
Neuer Beitrag in Calli’s Corner - regelmäßige Kolumne für Fujifilm
Kribbelt es bei Ihnen auch schon? Bei mir mächtig. Anders als früher. Weil der Druck nicht mehr da ist. Dieser absolute Erfolgsdruck. Der, mit dem du einschläfst und aufwachst. Und trotzdem: Gekribbelt hat es immer. Heute wie damals. Auch schon vor meiner Zeit als Manager in der Bundesliga. Als ich nichts war als ein „normaler Fan“. Aber bin ich das nicht heute wieder? Ein ganz normaler Fan? Ich sehe mich als Kind des Fußballs, als Kind der Bundesliga. Auch in den mehr als 25 Jahren, in denen ich beruflich mit der Sache zu tun hatte, war ich immer Fan. Habe gejubelt und getrauert.
Und deshalb freue ich mich auf die neue Saison, die mit dem Klassiker Bayern München gegen Borussia Mönchengladbach beginnt und die vor allen Dingen im Zeichen der Weltmeisterschaft 2006 steht. Es wird sicher keine ganz normale Spielzeit, es geht nicht nur um die Deutsche Meisterschaft, internationale Plätze oder Klassenerhalt. Deutsche und ausländische Fußballstars werden alles daran setzen, sich mit guten persönlichen Leistungen in der Bundesliga ihr WM-Ticket zu sichern. Wer kann es packen? Wer spielt sich in den Vordergrund? Wer kriegt Probleme mit der Form? All diese Fragen werden in den kommenden Monaten, an diesen 34 Spieltagen, beantwortet. Und mit mir warten Millionen von Fans auf diese Antworten. Und weil kein Experte sie voraussagen kann, deshalb sind wir Fans. Und deshalb bin ich Fan des…
….des FC Bayern München: Weil dieser Klub das Aushängeschild des deutschen Vereinsfußballs ist und wirtschaftlich und sportlich Vorbild für die meisten Fußball-Unternehmen in ganz Europa. Die deutsche Meisterschaft führt auch in der kommenden Saison nur über Michael Ballack und Co.
…des FC Schalke 04: Weil die fantastischen Fans der „Königsblauen“ einen Erfolg in der Meisterschaft verdient haben, dem sie seit 1958 leider vergeblich hinterher brüllen. Aber ohne nachzulassen! Kompliment an die Menschen in Gelsenkirchen für ihre unwahrscheinliche Vereinstreue. Ich drücke den Schalker Fans ganz besonders die Daumen, dass ihre Mannschaft oben mitmischt und Neuzugang Kevin Kuranyi ein paar entscheidende Tore macht.
….des SV Werder Bremen: Weil die Hanseaten beweisen, dass es auch ohne große Töne geht. Präsident Jürgen Born, Sportdirektor Klaus Allofs und vor allen Dingen Trainer Thomas Schaaf üben sich in vornehmer Zurückhaltung – und das mit dem größtmöglichen Erfolg.
….von Hertha BSC Berlin: Weil Fußballer wie Marcelinho und Bastürk die Menschen verzaubern und in die Stadien locken. Und weil ein Klub aus der Hauptstadt einfach in die Ligaspitze gehört. Eine besondere Verbindung habe ich natürlich zu den beiden Trainern Falko Götz und Andreas Thom, die lange bei Bayer 04 erfolgreich Fußball gespielt haben.
….des VfB Stuttgart: Weil der erfolgreichste Klubtrainer Europas, „Mister“ Giovanni Trapattoni, einer der sympathischsten Menschen in diesem knallharten Geschäft geblieben ist und ich ihm gönne, neue „junge Wilde“ zu finden und mit den „Alten“ Soldo, Zivkovic, Meira und vor allen Dingen Tomasson Erfolg zu haben.
….von Bayer Leverkusen: Weil mich mit den meisten Spielern in dieser Mannschaft noch sehr viel verbindet, wie auch mit den Menschen im Klub und in der Fan-Kurve. Ich hoffe, Bayer bleibt in dieser Saison vom Verletzungspech verschont, denn dann kann das Team um Klaus Augenthaler und Rudi Völler ganz oben angreifen.
….von Borussia Dortmund: Weil sie schwere Zeiten zu meistern haben mit einem jungen Team. Weil sie kämpfen müssen, und weil mir die, die kämpfen können, schon immer gefallen haben. Der gigantische Dortmunder Fan-Block, der gerade auch in schweren Zeiten die schwarz-gelben Fahnen hoch hält, wird das BVB-Team als 12. Mann entscheidend unterstützen.
…des Hamburger SV: Weil die Verantwortlichen Mut zum Risiko zeigen. Vergangenes Jahr Daniel van Buyten und Emile Mpenza verpflichtet, diese Saison Rafael van der Vaart und Linksverteidiger Tim Atouba, den ich nach seinen überragenden Leistungen beim Confed-Cup 2003 in Frankreich gerne nach Leverkusen geholt hätte - meine Güte, da kann was Großes ranwachsen.
….des VfL Wolfsburg: Weil die Wolfsburger ein Imageproblem haben, ich kenne dies aus der Anfangszeit in Leverkusen. Man sollte sie nach der Leistung auf dem Platz bewerten. Und wenn die so gut ist wie in der Hinrunde der vergangenen Saison, dann ist auch das Imageproblem bald weg.
…von Hannover 96: Weil ich den Eindruck habe, dass mein früherer Assistent Ilja Kaenzig clever eingekauft hat und Hannover 96, Konstanz vorausgesetzt, durchaus für einige Überraschungen gut sein kann.
…des FSV Mainz 05: Weil der „Karnevalsverein“ viel professioneller arbeitet als das nach außen den Anschein hat und das Trio mit Präsident Harald Strutz, Manager Christian Heidel und Trainer Jürgen Klopp als Garant für guten, erfolgreichen Fußball steht. Vor allem bewundere ich Klopp, einen absoluten Newcomer unter den Bundesligatrainern. Er macht einen guten Job, verkauft den Fußball einfach, ohne komplizierte Taktik-Formeln. Und er kann auch mal „Scheiße“ oder „Geil“ sagen, ohne dass es gestelzt rüber kommt.
….des 1. FC Kaiserslautern: Weil die Pfälzer einfach zum festen Inventar der Bundesliga gehören. Und ich Michael Henke ehrlich gönne, dass man ihn als innovativen, ehrgeizigen Trainer wahrnimmt und nicht nur als Assistent von Ottmar Hitzfeld.
….von Arminia Bielefeld: Weil ich hoffe und glaube, dass Thomas von Heesen die Arbeit von Uwe Rapolder, den er schließlich aus der Versenkung der Arbeitslosigkeit holte, weiterführt und auch die Abgänge von wichtigen Spielern wie Owomoyela, Buckley, Lense oder Langkamp gut kompensieren kann.
…des 1. FC Nürnberg: Weil Marek Mintal ein toller Fußballer ist und in dieser Saison noch mehr Unterstützung erhalten wird, zum Beispiel von Robert Vittek, der in der Jugend einer der begehrtesten Fußballer Europas mit Vorvertrag bei Real Madrid war und nun hoffentlich von Verletzungen verschont bleibt. Und natürlich weil der „Club“ der „Club“ ist und einfach in die Liga gehört.
….von Borussia Mönchengladbach: Weil mich mit Präsident Rolf Königs eine Freundschaft verbindet, weil ich Rheinländer bin und heute noch gerne an die vielen herausragenden Spiele der „Fohlen“ in den siebziger Jahren denke. Und vor allen Dingen, weil der neue tolle Borussia Park mit diesen ausgezeichneten, enthusiastischen Fans erfolgreiche Spiele verdient hat.
….des 1. FC Köln: Weil ich als Junge mit dem rot-weißen Schal nach Müngersdorf gepilgert bin und irgendwo immer Sympathien hatte für den „äff-ceh“. Weil ich natürlich ein großer Fan von Lukas Podolski bin, wie wohl alle Deutschen. Und weil ich Andreas Rettig, auch er ein ehemaliger Assistent von mir, genauso schätze wie Uwe Rapolder, von dem ich als Trainer sehr viel halte und natürlich Wolfgang Overath, den Klubchef, der den FC verkörpert wie kein Zweiter in der langen und ruhmreichen Geschichte des Vereins.
…des MSV Duisburg: Weil dort mit Walter Hellmich einer arbeitet, der genauso „positiv bekloppt“ ist wie ich. Der den Verein nach oben geführt hat mit seinen ganz ureigenen Mitteln und Maßnahmen und so ganz nebenbei aus dem alten, zugigen Stadion noch eine wunderschöne neue Arena hat entstehen lassen. Kompliment und Chapeau für diese Energieleistung. Meinen ehemaligen Bayer-04-Jugendtrainern Norbert Meier und Heiko Scholz, die nun auf der MSV-Kommandobrücke stehen, drücke ich natürlich ganz fest die Daumen.
…von Eintracht Frankfurt: Weil die Hessen Respekt verdienen dafür, wie sie sich nach mieser Hinrunde in der Zweiten Liga noch nach oben gekämpft haben. Die seriöse Arbeit von Trainer Friedhelm Funkel und meinem alten Spezi Heribert „Schlitzohr“ Bruchhagen trägt Früchte. Dazu kommt, dass ich nach den Spielen im Confed-Cup ein absoluter Fan der neuen „Commerzbank-Arena“ bin, dies ist ein Stadion der Superlative in der nichts anderes als Spitzenfußball gespielt werden darf. Und last not least drücke ich der Eintracht auch aus familiären Gründen die Daumen – meine Schwägerin Sabine arbeitet auf der Geschäftsstelle.
18 Vereine – 18mal Fan! Geht das? Ich nehme es mir mal heraus. In den mehr als 25 Jahren als Manager und Geschäftsführer habe ich viele, viele Menschen in diesem Business kennen gelernt, für die ich große und größte Sympathie empfand. Trotzdem waren sie Gegner für mich. Sie wollten uns besiegen, auf dem Rasen, auf dem Transfermarkt. Ich musste alles geben, dies zu verhindern.
Das ging nicht immer ohne Misstöne über die Bühne. Heute ist es vorbei. Heute kann ich mich für jeden Freund freuen, mit jedem trauern. Heute würde ich, der immer ein strikter Verfechter der 18er-Liga war und ist, aber auch 20 oder 22 Klubs spielen lassen. Damit keiner, der mir was bedeutet, keiner aus Köln, aus Mainz, aus Mönchengladbach oder irgendwoher, Gefahr läuft abzusteigen. So sehr hatte ich mich beispielsweise für die Bochumer gefreut, als sie in der vergangenen Saison UEFA-Cup spielten. Das Gastspiel war kurz, die Nachwehen umso länger, sie führten direkt in die Zweite Liga. Ich konnte nachempfinden wie es Werner Altegoer, diesem alten, bewundernswerten Schlachtross der Liga, ergangen sein muss. Sowas brauche ich nicht mehr. Es ist die Kehrseite des Faszinismus Bundesliga. Es jubelt der Meister, es weint der Absteiger.
Wer schafft es diesmal, wen erwischt es? Ich freue mich einfach auf diese 43. Bundesligasaison, auf jedes der 306 Spiele. Es wird spannend, ganz sicher. Und auch wenn ich wie die meisten Experten die Bayern klar vorne sehen, sage ich: Abwarten. Der Fußball lebt von der Sensation. Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
In diesem Sinne
Euer Calli
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