
Don Calli spricht (32) - Reiner Calmund schreibt im Express
Wenn die Spieler des 1. FC Köln Samstag gegen den VfB Stuttgart auf den Rasen des RheinEnergieStadions laufen, dann sind sie Hauptdarsteller eines Dramas in zwei Akten: „Sein oder nicht sein?“ – die berühmte Frage aus Shakespeares „Hamlet“ wird gestellt, allerdings nicht vom dänischen Prinzen.
Im ersten Akt geht es gegen den Abstieg, im zweiten um die Zukunft des Vereins. Dieser zweite Akt wird am Montag aufgeführt, in der LanxessArena mit den Mitgliedern in der Hauptrolle. Sie bestimmen darüber, in welche Richtung der Verein marschiert.
Laienschauspieltruppe
Die erste Inszenierung ist furchtbar simpel. Sieg oder Niederlage! Relegation oder direkter Abstieg! Dass es realistisch gesehen nur noch um Platz 16 geht, ist das „Verdienst“ einer Mannschaft, die sich zu häufig als Laienschauspieltruppe präsentierte.
In der Rückrunde bot sie meistens erfolglosen Gruselfußball. Noch schlimmer, zu oft ließen die Hauptdarsteller in kurzen Hosen die elementaren Voraussetzungen vermissen: Teamgeist, Disziplin, Laufarbeit, Kampf und Spielordnung. Ich hoffe, Frank Schaefer kriegt die Sache als Not-Regisseur noch mal in den Griff.
Gelingt der Umschwung gegen starke Stuttgarter nicht, droht der fünfte Abstieg seit 1998. Was zeigt: Der ruhmreiche FC ist in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten zur Fahrstuhlmannschaft verkommen. Da ist es kein Wunder, wenn die Öffentlichkeit häufig mehr als ruppig mit den Verantwortlichen umgegangen ist. Und schon sind wir beim Vorspiel zum zweiten Akt.
Beginnen wir mit Albert Caspers, der immerhin sieben Jahre von 1997 bis 2004 Präsident des 1. FC Köln war. Jeder wusste, dass er kein großer Fußball-Experte ist, aber in den Bereichen Finanzen, Strukturen, Organisation und Unternehmensführung zeigte er in seiner Amtszeit absolute Superklasse. Er konsolidierte die Finanzen, trieb den WM-Stadionbau voran und verpasste dem Klub professionelle Strukturen. Trotzdem wurde der Sanierer und ehemalige Chef von Ford Europa unschön verabschiedet. Caspers war eine anerkannte Persönlichkeit in Wirtschaft und Gesellschaft. Das Verhalten von einigen Mitstreitern im Umfeld des 1. FC Köln hat ihn menschlich tief enttäuscht und ihm zugesetzt.
Wolfgang Overath, Weltmeister und FC-Legende, startete mit viel Euphorie 2004 als neuer FC-Präsident. Sein ausgegebenes Ziel – Rückkehr ins internationale Geschäft – wurde nicht erreicht. Dennoch machte sich Overath als Vereins-Chef verdient, indem er viele Sponsoren anlockte und die Rückhol-Aktion von Podolski entscheidend vorantrieb. Mit seiner großen Identifikation sorgte er auch für den Impuls beim enormen Mitgliederzuwachs.
Nobody is Perfect
Allerdings agierte er als ehrenamtlicher Präsident oft genauso wie früher als dominierender Spielmacher auf dem Rasen: „Gib mir den Ball, ich mach das schon!“ Er machte Fehler, keine Frage: „Nobody is Perfect.“ Doch sein Abschied war auch mit jeder Menge Respektlosigkeit verbunden. Musste das sein bei dieser Fußball-Ikone?
Andreas Rettig hätten viele jetzt gerne wieder beim FC gesehen. Ach nee! Wegen fehlender Rückendeckung zeigte er vor sieben Jahren Konsequenz und Rückgrat und verließ den FC ohne einen Euro Abfindung. Nach einem unbefriedigenden 16. Platz in der Winterpause 2005 machte er den Manager-Sessel für einen Neuaufbau frei.
Rettig übernahm völlig unnötig die alleinige Verantwortung für die schlechte Hinrunde, hinterließ aber geordnete Finanzen. Er ging zum Drittligisten FC Augsburg und feierte mit diesem Klub zwei Aufstiege und die Einweihung des neuen Stadions. Rettig und Jos Luhukay (auch er mit Kölner Vergangenheit als Ex-Co-Trainer) dürften den Augsburger Klassenerhalt wie das Double feiern. Danach geht Rettig als Direktor zur DFL. Eine gute Karriere.
Respekt ist etwas, das jeder Mensch verdient hat
Keiner ist perfekt, jeder macht Fehler. Doch Respekt ist etwas, das jeder Mensch verdient hat. Warum soll sich jemand – nehmen wir einen erfolgreichen Unternehmer – für diesen Klub engagieren, wenn er dafür auch noch pausenlos öffentlich Prügel bezieht? Auf dieses Theater kann jeder gerne verzichten! Aber: Wie es scheint, geht es weiter in alter FC-Manier.
Dafür spricht auf jeden Fall die aktuelle Kritik am Gesellschafter-Ausschuss. An dessen Spitze stehen mit Dr. Werner Wolf (Bitburger-Chef) und Josef Sanktjohanser (Vorstand REWE Group) zwei Top-Manager, die urplötzlich die Funktionen von Overath und dessen Vizepräsidenten Fritz Neukirch und Jürgen Glowacz übernehmen mussten. Sie hatten nicht darum gebettelt, aber als Vorsitzender und Stellvertreter des Verwaltungsrates mussten sie laut Satzung die verwaisten Präsidiums-Posten zusätzlich kommissarisch übernehmen.
Beide sind mit ihrem Gremium nicht verantwortlich ...
... für den momentanen Spieler-Kader und dessen kläglichen Zustand
... für die Verpflichtung von Trainer Stale Solbakken
... für die Verpflichtung von Sportdirektor Volker Finke
... für den Zoff zwischen Finke und Solbakken
Wolf und Sanktjohanser sind glühende FC-Fans und Vertreter wichtiger Sponsoren des Klubs. Und ebenso wie der FC Aufsichtsrats-Vorsitzender Dr. Karl-Ludwig Kley (CEO Merck und Mitglied des Aufsichtsrates bei Bertelsmann und BMW) engagieren sie sich mit viel Herzblut für den 1. FC Köln. Diese Findungskommission (gleichzeitig Gesellschafter-Ausschuss) – besteht ausschließlich aus Unternehmensführern der Champions League – musste sich auch Gedanken darüber machen, wer den FC in die Zukunft führen kann.
Nach intensiver Suche und zahlreichen Gesprächen haben diese „fünf“ dem Verwaltungs- und Vereinsbeirat Werner Spinner, Markus Ritterbach und Toni Schumacher als neues Präsidium zur Wahl vorgeschlagen. Beide FC-Gremien haben dem Vorschlag eindeutig zugestimmt. Wenn das perfekt ist, will man schnellstens mit einem erfahrenen neuen Sportdirektor und Cheftrainer die wichtigsten Positionen für den sportlichen Aufschwung besetzen. Für eine erfolgreiche Zukunft braucht der Klub dringend Profis mit Fußballverstand und Netzwerk.
Das Interesse von Karl-Heinz Thielen, Franz Josef Wernze und Bernd Steegmann, ebenfalls für das Präsidium zu kandidieren, ist für den Aufsichts- und Vereinsbeirat zwar alles andere als schön, jedoch legitim. Die Mitgliederversammlung bleibt das höchste Organ des 1. FC Köln, sie soll bestimmen. Natürlich zieht solch eine Konstellation mehr Journalisten, Meinungen und Spekulationen an. Doch ich glaube, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Es wird auch keine Schlammschlacht geben, denn weder der aktuelle Gesellschafter-Ausschuss noch irgendein Präsidiums Bewerber ist verantwortlich für die momentane Situation.

