
Reiner Calmund im Interview mit medienhandbuch.de vom 07.02.2008
Ein weiterer Prominenter macht in Internet-TV: Fußball-Experte Reiner Calmund ist ab sofort nicht nur in der virtuellen Welt Second Life vertreten, sondern auch im Bereich Video on Demand. medienhandbuch.de sprach mit ihm über Inhalte und Ziele von Calli.tv:
medienhandbuch.de:
Herr Calmund, nach Second Life haben Sie nun auch das Internet-TV entdeckt. Pünktlich zur Rückrunde der Bundesliga ist der Startschuss zu Ihrem Videoblog "Calli.tv" gefallen. In Stichworten: Was ist Calli.tv?
Reiner Calmund:
Das Format "Calli.tv" ist angelehnt an meine bislang veröffentlichten Printkolumnen und soll eine aktuelle Freitags-Preview auf die Spiele des jeweils folgenden Fussball-Bundesliga-Wochenendes darstellen. Ich spreche über aktuelle Themen des deutschen Fußballs, vorwiegend beschäftige ich mich mit den Bundesliga-Mannschaften, einzelnen Spielern, aber auch mit den Europapokal-Wettbewerben, dem DFB-Pokal und der deutschen Nationalmannschaft.
medienhandbuch.de:
Die drei bis fünf Minuten langen wöchentlichen Sendungen produzieren, präsentieren und moderieren sie laut Pressemeldung selbst. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wer hilft Ihnen dabei?
Reiner Calmund:Da haben Sie schon Recht, mit der Technik habe ich es nicht so. Wie schon bei Calli Island in Second Life, hat auch bei diesem Projekt meine Frau Sylvia wieder die Fäden in der Hand. Mit Hilfe eines begnadeten jungen Kameramanns und Post-Produzenten aus Köln und ein paar Leuten, die sich in der Web 2.0-Welt auskennen, organisiert und koordiniert sie alles.
medienhandbuch.de:
Die Philosophie von Calli.tv ist: So viel Kritik wie nötig, so viel Ermunterung wie möglich. Unterhaltung ja - aber nie auf Kosten anderer. Niemanden weh tun und trotzdem erfolgreich sein? Wie soll das gehen?
Reiner Calmund:
Jeder weiß, dass Reiner Calmund kein Weichspüler ist, d.h. es wird immer Tacheles geredet, aber ohne, dass ich dabei meine Ex-Kollegen in die Pfanne hauen muss. Dazu habe ich genügend Erfahrung und ein weitreichendes Netzwerk. Gerade weil ich selbst fast 3 Jahrzehnte lang bei einem Bundesligaverein alle Höhen und Tiefen miterlebt habe, werde ich nicht als besserwisserischer Oberschlaumeier auftreten, sondern versuchen, die aktuelle Situation kritisch aber fair unter die Lupe zu nehmen. Laut einer Studie (Castrol Fan Studie) geben wir den Zuschauern genau das, was sie von einem Video-Blog im Bereich Fußball erwarten: Fakten, Fakten, Fakten, Analysen und fachliche Meinung. Der Blog ist ja keine TV-Show oder kein Comedy Format, das würde auch nicht funktionieren. Es soll nicht lustig sein, es soll informieren. Ich bin kein Clown, ich bin ein Fachmann, der auf unterhaltsame Art und Weise informieren will. Wenn ich einen Allofs, Völler oder Hoeneß zitiere, dann habe ich mit denen ja auch gesprochen.
medienhandbuch.de:
Konzeptionelle Idee ist, dass Sie in einem Telefonat mit einem imaginären Gesprächspartner den aktuellen Lauf der Fußballwelt kommentieren. Ist das auf Dauer nicht etwas monoton?
Reiner Calmund:
Auf Dauer wahrscheinlich schon, aber zunächst wollten wir uns unterscheiden von üblichen Moderationen, wie sie in Video-Blogs stattfinden. Ich bin ja eigentlich kein klassischer Moderator. Da ich tatsächlich 2/3 des Tages vertelefoniere (behauptet zumindest meine Frau), ist es doch nur authentisch, wenn ich dies auch im Video-Blog tue. Natürlich werden wir in Zukunft auch andere Varianten wählen, wir stehen erst am Anfang, spätestens zur EM wird mit neuen Elementen gespielt werden. Man darf gespannt sein.
medienhandbuch.de:
Wie viele Besucher und Page Impressions wollen Sie mit ist Calli.tv bis Ende 2008 monatlich haben?
Reiner Calmund:
Unser Geschäftsmodell ist erstmal die Lizenzierung (Mehrkanalstrategie) an andere Portale mit Calli.tv. Im zweiten Schritt richten wir uns an die Werbetreibenden. Die jetzige Seite bleibt, so wie sie ist, nicht bestehen, sondern wird wahrscheinlich noch im Februar ausgetauscht werden. Dort findet man dann alle Features, die man für einen vernünftigen Videoblog benötigt. Wir werden einen eigenen Player haben und unsere Clips über Lizenzpartner und viral verbreiten. Wir schätzen die Reichweite pro Clip ab März mit ca. 200 Tsd. Views über alle Portale realistisch ein.
medienhandbuch.de:
Wie hoch ist ihr Start- und ihr Jahresbudget, um Ihren Online-TV-Sender bekannt zu machen und am Laufen zu halten?
Reiner Calmund:
Es ist kein Online TV Sender, davon sind wir weit entfernt, wir planen aber zur Europameisterschaft in diese Richtung. Momentan ist Calli.tv ein Videoblog - nicht mehr und nicht weniger.
medienhandbuch.de:
Refinanzierungsinstrument soll Online-Werbung sein, oder? Sie bieten laut Internet-Auftritt neben Standard-Werbeformaten u.a. auch Postroll-Ads (Werbeeinblendungen nach dem Videobeitrag) und Product-Placement auf der Site an. Gibt es bereits Kunden/Interessenten und wer ist Ihre Werbezielgruppe?
Reiner Calmund:
Wir gehen davon aus, dass die Clips von Calli.tv natürlich in erster Linie von fußballbegeisterten, internetaffinen Fans sämtlicher Vereine und Ligen abgerufen werden und das können bei der Volkssportart Nr. 1 mit über 6 Mio. aktiven Mitgliedern eine ganze Menge Leute werden. Nicht zu unterschätzen ist auch die Anzahl der weiblichen User, die seit der WM 2006 in Deutschland erst richtig Feuer gefangen haben. Sicherlich werden auch die Vereinsfunktionäre der Bundesliga und die Fußballberichterstatter ein Auge auf meine Aussagen im Blog werfen.
Die relevante Werbezielgruppe vergrößert sich gerade, auch dadurch, dass die EM ja quasi vor der Tür steht. Wir haben bereits Anfragen aus den Bereichen Sportwetten und Pokern und sprechen mit dem Sportversandhandel. Den bieten Werbekunden wir das Format für die Kanäle: TV, Web, Podcast und Mobile an.
medienhandbuch.de:
Fußball ist und bleibt ein Online-Hype-Thema mit immer mächtigeren Online-Medienkooperationen wie z.B. der von Spiegel online mit Kicker. Haben Sie nicht Angst, hier etwas unter zu gehen ohne diese Online-Medienmacht?
Reiner Calmund:
Nein. Natürlich gibt es gerade in diesem Jahr auch Elefantenhochzeiten wie Spiegel Online mit dem Kicker. Andere Verlagsportale müssen nachziehen, und es sind ja viele Sportportale aus dem nichts aufgetaucht, die sich eine Community aufbauen wollen. Ein solches Start-up sind wir nicht. Wir backen erstmal kleine Brötchen.
medienhandbuch.de:
Zuletzt noch zwei Fragen an den Fußballfachmann: Wer wird Europameister 2008?
Reiner Calmund:
Einen Europameister vorauszusagen, ist fast unmöglich. Dieses Turnier ist von Beginn an komplizierter als eine Weltmeisterschaft. Hier fehlen die Exoten, die dir Punkte garantieren. Und trotzdem können Außenseiter, wie vor 2 Jahren Griechenland, den Titel holen. Eine Prognose ist schwierig, aber meine Top-Favoriten heißen Italien, Frankreich und Deutschland.
medienhandbuch.de:
Welcher Bundesligist hat Ihrer Meinung die besten Einkäufe für die Rückrunde getätigt?
Reiner Calmund:
Wenn ich mir den ersten Spieltag ansehe, dann ist es Frankfurt. Drei Tore beim Debüt – was der junge Tscheche Fenin geschafft hat, hat meines Wissens schon lange keiner mehr geschafft. Und die beiden anderen Neuzugänge Caio und Mantzios saßen noch auf der Bank. Zé Roberto von Schalke saß da auch lange, kam rein und traf nach ein paar Minuten. Aus meiner Erfahrung sage ich: Jeder Neue muss Zeit bekommen. Weil jeder Zeit braucht, um sich in der neuen Umgebung zurecht zu finden. Es sei denn, er trifft drei Mal im ersten Spiel.
Das Interview mit Reiner Calmund führte Oliver Hein-Behrens.
Links zum Thema:
www.calli.tv
www.reinercalmund.de
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Kontakt / Quelle
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Oliver Hein-Behrens
chefredaktion@medienhandbuch.de
