
Im Stadtwald mit Aserbaidschan-Trainer Vogts. Calli bringt Berti zum Sprudeln! - Gespräch im Express
Köln – „Mensch Calli, du siehst ja richtig fit aus!“ Berti Vogts strahlte gestern Morgen mit der Sonne um die Wette, als ihn EXPRESS-Kolumnist Reiner Calmund herzlich im „Holiday Inn“ am Stadtwald begrüßte. Dort bereitet sich der Ex-Bundestrainer mit der Nationalelf von Aserbaidschan auf das Duell mit Deutschland am Dienstag in Köln vor. Zeit für einen intimen Plausch gab es dennoch. Und siehe da: Calli brachte Kumpel Berti geradezu zum Sprudeln...
Berti, herzlich Willkommen in Köln zur ersten Fußball-Party der Deutschen Nationalmannschaft nach der fantastischen WM in Südafrika. Du hast ja schon erklärt, dass ihr happy seid dabei sein zu dürfen und eine kostenlose Lehrstunde bekommt. Wie sehr wurmt es dich, dass du als einer der erfolgreichsten Akteure des deutschen Fußballs jetzt mit zwei Viererketten Beton anrühren musst und mit nur zwei freien Mitarbeitern im offensiven Bereich spielen kannst, um das Ergebnis im Rahmen zu halten?
Das wurmt mich überhaupt nicht. Ich weiß ja, warum ich in Aserbaidschan angetreten bin. Ich will dem Verband helfen. Dass wir nicht wie die Brasilianer oder Spanier hier auftreten werden, ist klar. Auch, dass wir nicht ins Messer laufen werden. Es kann vielleicht so aussehen, dass wir Beton anrühren.Wir werden allerdings auch nicht mit zwei Ausputzern spielen. Wir wollen, wenn es die Situation erlaubt, auch nach vorne spielen. Wie man in Köln gewinnt, weiß ich als Gladbacher ja.
Was kannst du überhaupt in Aserbaidschan erreichen? Alle vier Klubs sind in der UEFA-Quali schon rausgeflogen.
Für mich sind die Menschen wichtig. Sie haben mich überzeugt, dass ich helfen kann. Wir haben ein Konzept, mit dem wir uns tagtäglich auseinandersetzen. Mein Vertrag ist nicht auf einen Sieg über Deutschland ausgerichtet. Er ist darauf ausgerichtet, Aserbaidschan in vier, fünf Jahren an die Mittelklasse des europäischen Fußballs zu bringen. Aber es geht um mehr als nur die Nationalelf. Wir müssen die Infrastruktur ausbauen, mehr Stadien, mehr Trainingsplätze bauen und gute Trainer ausbilden und erfahrene Externe ins Land holen. Das ist die Formel zum Erfolg. Wir wollen, nein wir müssen die Lokomotive für den Sport sein. Es kommen immer mehr Frauen zum Fußball. An den Schulen müssen wir Fußball spielen. Wir organisieren dort Turniere für 8-und 12-jährige. Und in jedem Team muss ein Mädchen spielen. Das ist in einem muslimischen Land nicht so einfach. Aber wir müssen den Mädchenfußball nach vorne bringen! In zwei Jahren haben wir die U17-WM der Mädchen in Aserbaidschan.
Gibt es in Baku außer den Ex- portschlagern Kaviar, Gas und Öl auch einen Fußballer, der in der Bundesliga kicken könnte?
Wir haben drei, vier sehr gute Spieler. Der rechte Verteidiger könnte vielleicht Stammspieler in der Bundesliga sein. Wenn Maxim zu Jupp Heynckes gehen würde, wäre er in einem halben Jahr Stammspieler. Mahir Shukurov spielt seit fünf Monaten in der russischen Liga. Der haut Flanken rein wie früher der Manni Kaltz. In meinem Vertrag habe ich durchgesetzt, dass in jedem Meisterschaftsspiel drei Aserbai- dschaner eingesetzt werden müssen und drei weitere zusätzlich auf der Bank Platz nehmen. So werden die Klubs gezwungen, Spieler besser auszubilden. Das war die Bedingung, dass ich verlängert habe.
Ein Wort zum Gegner. Wie siehst du die deutsche Elf in der internationalen Spitze? Der Sieg in Belgien war zwar nicht glanzvoll, aber drei Punkte zum Auftakt können sich doch sehen lassen.
Dieses Ergebnis war für mich der erste große Schritt für Deutschland zum Gruppensieg. Die Türkei wird da nicht gewinnen. Die Belgier zu Hause zu schlagen ist nicht einfach. Viele ihrer Spieler kicken mittlerweile in europäischen Top-Klubs. Dazu kommt der Hass der belgischen Zuschauer gegen die Deutschen. Das haben die Jungs souverän gemacht. Deutschland ist für mich fußballerisch die beste Mannschaft der Welt- die aber leider keinen Titel hat. Besser als wie bei der WM gegen Argentinien und England kannst du nicht Fußball spielen.
War das Argentinien-Spiel das beste aller Zeiten?
Da muss man vorsichtig sein. Da gab es 1972 auch schon sehr guten Fußball. (schmunzelt) Vielleicht weil ich verletzt war und nicht mitgespielt habe. Die 72-er-Mannschaft war die beste Fußball spielende Mannschaft, die wir je hatten. Und sie hat einen Titel geholt. Genau wie wir zwei Jahre später bei der WM in Deutschland.
Dein altes Steckenpferd, der Nachwuchsfußball, ist nach schönen Erfolgen in den ver- gangenen Jahren aktuell in eine Krise geraten. Wirkt sich der Kompetenz-Streit zwi- schen Jogi Löw und Matthias Sammer negativ auch auf die Arbeit der U21 aus?
Erst einmal ein großes Kompliment an Matthias Sammer. Die Art und Weise wie er die Struk- turen in Deutschland, vor allem den Wertekatalog vorgestellt hat, war enorm wichtig. Matthias sagt klipp und klar, was die Spieler zu tun haben. Dass sich jetzt die ein oder andere Mannschaft nicht qualifiziert hat, ist uninteressant. Das gibt es und gab es schon mal. Das wichtigste für den Nachwuchs ist die Ausbildung.Wir müssen von dem Denken wegkommen, dass es nur um den Erfolg geht. Der Fußball in Deutschland ist für die nächsten fünf, zehn Jahre so gut aufgestellt wie in keinem anderen Land in Europa.
Sammer ist für mich auch eine Top-Lösung, aber Löw muss doch die sportliche Oberhoheit besitzen. Wenn der Bundestrainer Marin im Tor und Höwedes im angriff in der U21 sehen will, dann müsste auch das ohne Wenn und Aber umgesetzt werden.
Ich glaube, dass das auch so der Fall ist. Wenn das nicht gemacht wird, sollten sich die Beiden mal einschließen. Ich glaube, die Problematik ist, dass man zuwenig miteinander spricht.
Am meisten gesprochen wurde zuletzt über Michael Ballack. Wie beurteilst du die Si- tuation um ihn als Spieler und Kapitän?
Ich kann die ganze Diskussion vor, während und nach der WM nicht nachvollziehen. Das Thema wurde hochgeschossen. Dabei hat Jogi Löw vor, während der WM und jetzt auch noch einmal deutlich ausgesprochen, dass Ballack Kapitän bleibt. Ich kenne Michael. Er wird es noch einigen Kritikern so richtig zeigen.
Du hast in deiner knapp 50- jährigen Laufbahn fast alles erreicht. Vom Waisenkind zum Weltmeister und Fußballer des Jahres mit vielen, vielen Titeln, selbst dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Du hast Tausende von Menschen kennen gelernt. Was vermisst du, wem hättest du gerne noch etwas gesagt?
Ich habe sehr früh meine Eltern verloren. Ich war 12 Jahre alt. Denen hätte ich gerne gezeigt, was aus mir, dem kleinen Waisenjungen, geworden ist. Manchmal sitze ich zu Hause und sage: Mensch, meine Eltern. Sie wären sehr stolz auf mich. Ansonsten bin ich zufrieden. Ich würde mein Leben genauso noch einmal leben. Vielleicht mit ein bisschen mehr Diplomatie.
Lesen Sie morgen im Express: Wie ich Klinsi und Löw zum DFB vermittelte
