
Einschätzung zur neuen Bundesligasaison - Stand 10. Juli 2010
FC Bayern München
Um ihre Kohle müssen sich die Bayern zwar keine Sorgen machen, doch einfach so raus hauen möchten sie sie auch nicht. Man wolle in dieser Saison „höchstens“ 20 Millionen Euro investieren, so Sportdirektor Christian Nerlinger. Der aktuelle Kader werde auch ohne spektakuläre Neuverpflichtungen noch stärker werden. Nerlinger hat Recht. Schließlich kommt mit Toni Kroos eine Top-Alternative zum Null-Tarif. Findet man nun noch einen soliden Außenverteidiger – Ajax’ Gregory van der Wiel soll könnte kommen - und erfüllt Rückkehrer Breno die ihn in gesetzten Hoffnungen, dann dürfte der FC Bayern noch souveräner auftreten als zum Ende der letzten Saison. Der Weg zum Titel führt nur über die Münchner, sie sind – wie immer – Topfavorit Nummer eins!
FC Schalke 04
Die Erwartungen beim Vizemeister sind hoch. Und Felix Magath stapelt tief. Zu Recht. 30 Millionen Euro koste die Konkurrenzfähigkeit in Liga und Königsklasse, so Magath, der vor allem Ersatz für Kevin Kuranyi benötigt. Geld, das auf Schalke fehlt. Der wichtigste Neuzugang trägt daher lange Hosen. Manager Horst Heldt soll Magath entlasten, braucht aber Zeit. Was wohl auch für Kyriakos Papadopoulos gilt. Der griechische Jungstar kennt die Liga nicht. Christoph Metzelder schon. „Metze“ aber hatte zuletzt bei Real Madrid kaum Spielpraxis. Viele Fragezeichen also. Platz Fünf wäre da schon ein Erfolg. Aber: Malocher Magath identifiziert sich voll mit seiner Aufgabe und ist immer für Überraschungen gut. Und vielleicht kommt noch Real-Legende Raul!
SV Werder Bremen
Werder ist ein Phänomen. Wie cool man in der letzten Saison den Ball flach gehalten hat, als es mal nicht rund lief, und so schließlich doch noch die Champions League-Qualifikation erreichte, das nötigt mir größten Respekt ab. Thomas Schaaf und Klaus Allofs machen einen Super-Job und haben Werder mit hanseatischer Bierruhe auf Dauer in der Liga-Spitze etabliert. Bleiben seine Berater auf dem Teppich und Mesüt Özil damit noch ein Jahr in Bremen, und konserviert der Jungstar seine WM-Form, dann haben die Werderaner das Zeug zum ersten Bayern-Jäger. Aber: So sehr Klaus Allofs auch mauert – wenn die Kohle stimmt, wird Özil verkauft. Mit Marin in der Hinterhand ist das ein überschaubares Risiko.
Bayer 04 Leverkusen
Ich brauche kaum zu betonen, wie sehr ich mich für meinen Freund Rudi Völler freue, dass ihm der Coup mit Michael Ballack gelungen ist. Ballack ist ohne Wenn und Aber der Top-Transfer der Saison, Gewichtsklasse „Robben“, und auch mit 33 noch ein echter Weltstar. Er wird helfen, dass die Bayer-Elf den feinen, aber nicht beständigen Fußball der letzten Jahre jetzt auch über eine komplette Saison konservieren kann. Für den Titel wird es zwar (noch) nicht reichen, die Champions League-Qualifikation aber ist absolut machbar.
Borussia Dortmund
Jürgen Klopp ist ein Fußballbekloppter, Marke „Calli“. So einen haben sie in Dortmund lange gesucht. Und „Kloppo“ hat sie nicht enttäuscht. Hatte man im ersten Jahr auf der Zielgeraden noch gepatzt, so klappte es jetzt endlich mit der Rückkehr auf die internationale Bühne. Mit Stars, die Klopp sich selbst gebastelt hat, wie Schmelzer, Großkreutz, Hummels, Sahin oder Subotic. Und weil man mit dem Polen Lewandowski nun neben Barrios endlich einen zweiten Stürmer hat, der für mindestens 10 Tore steht, darf man davon träumen, sich im Vorderfeld zu etablieren.
VfB Stuttgart
Hleb weg, Lehmann weg. Das aber ist nur ein kleines Problem im Vergleich zu dem Verlust, den der Wechsel von Manager Horst Heldt zu Schalke 04 bedeutet. Heldt hatte in den letzten Jahren auf jede Krise des VfB die passende Antwort. Die hieß mal Veh, dann Babbel und zuletzt Christian Gross. Unter dem Strich standen ein Meistertitel und ein Abo aufs internationale Geschäft. Ein Umbruch steht dennoch nicht an. Denn Gross kann auf ein eingespieltes Team zurückgreifen, das mit Rückkehrer Christian Gentner aus Wolfsburg sinnvoll verstärkt wird. Ein Platz unter den ersten Sechs ist möglich.
Hamburger SV
Der HSV steht vor dem xten Neuanfang der letzten Jahre. Mit Armin Veh kommt der siebte Trainer in der Amtszeit von HSV-Boss Bernd Hoffmann. Den schimpfte „Spiegel Online“ daher auch schon mal als „Krisenmacher“. Immerhin hat er den Speditions-Milliardär Kühne und damit frisches Geld ins Boot geholt. Trotzdem wartet auf Veh, Nationalmannschaftsscout Urs Siegenthaler und Sportdirektor-Neuling Bastian Reinhardt eine Herkules-Aufgabe. Sie müssen ein Team einen, das am Ende der letzten Saison zerstritten war und Trainer Labbadias Rauswurf provozierte. Scheitern sie, dann dürfte es auch für sie ungemütlich werden.
VfL Wolfsburg
Niemand in der Autostadt war zufrieden mit der letzten Saison. Dem Titel 2009 folgte der Absturz auf Rang acht – indiskutabel! Mit Steve McClaren, Meistermacher bei Twente Enschede, soll nun der Erfolg zurückkehren. Seine wichtigste Aufgabe: Die 58-Gegentore-Abwehr auf Vordermann bringen. Mit Neuzugang und WM-Held Arne Friedrich und dem Dänen Kjaer aus Palermo wird das gelingen. Vorne dagegen gibt es kaum etwas zu verbessern. Die wunderbare Offensive mit Misimovic, Dzeko und Grafite würde in jeder Liga zur Crème de la Crème gehören. Und wenn sich das Interesse an Diego, der in Turin unglücklich ist, verfestigt, dann gehört der VfL zu den Top-Kandidaten für einen Platz unter den ersten Fünf.
FSV Mainz 05
Klasse, wie Liga-Neuling Thomas Tuchel den Aufsteiger aus dem Stand in die obere Tabellenhälfte führte. Zuhause war Mainz eine Macht, mit echtem Karnevalsfußball katapultierte Tuchel die Mainzer auf Platz Fünf der Heimtabelle. Bei aller Sympathie – das ist kaum zu toppen. Nicht zuletzt weil mit Malik Fathi und Kapitän Tim Hoogland zwei echte Stützen gingen. Sollte man auch noch Wuchtbrumme Aristide Bancé an die Blackburn Rovers verlieren, hätte man zwar ein paar Milliönchen mehr auf dem Konto, die Feierwochen in der Karnevalshochburg könnten dann aber erst mal vorbei sein.
Eintracht Frankfurt
Wie der Lokal-Rivale Mainz war die Eintracht eine der positiven Überraschungen der letzten Saison. Mit feinem Offensiv-Fußball führte Trainer Michael Skibbe seine Elf zum besten Resultat der letzten 15 Jahre. Und es kann noch besser kommen. Denn mit Theofanis Gekas, mit dem Skibbe schon in Leverkusen zusammen arbeitete, kommt der Knipser, der in der letzten Saison noch fehlte. Und auch Halil Altintop bleibt entgegen früherer Aussagen und tut der Elf als potenzieller Führungsspieler gut, weil die Eintracht mit Christoph Spycher ihren Kapitän verliert.
1899 Hoffenheim
Dass man es beim Klub vom Milliardär Dietmar Hopp versteht, Fußball nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu zelebrieren, davon war in der letzten Saison eher wenig zu sehen. Nicht zuletzt eine Folge atmosphärischer Störungen im Team und im Umfeld, nach denen dann als prominentestes Opfer Manager Jan Schindelmeiser gehen musste. Auch die Autorität von Trainer Ralf Rangnick hatte gelitten. Seine Vertragsverlängerung aber ist ein Signal an die Mannschaft. Jetzt geht es darum, den Team-Spirit wieder zu wecken. Gelingt das und sollte Adrian Ramos kommen und so knipsen wie in Berlin, dann kann diese spielstarke Elf in den Kampf um die Europa-League-Plätze eingreifen.
Borussia Mönchengladbach
Bei den „Fohlen“ macht man Nagel mit Köpfen. Die Verträge von Abwehrstar Dante und Manager Max Eberl wurden vorzeitig verlängert, Trainer Michael Frontzeck soll folgen. Zu Recht. Denn das Führungsduo liefert ganz unaufgeregt vorzügliche Arbeit ab. So behielt man in der letzten Saison auch die Nerven, als es zwischenzeitlich mal brannte im „Borussia-Park“. Die Folge der Gelassenheit: Gladbach konnte vorzeitig die Klasse sichern. Behält man auch jetzt die Ruhe, wo einige Phantasten schon von der Europa League fabulieren, dann klappt das erneut. Nicht zuletzt, weil Regisseur Arango mit dem Samba-Belgier Igor de Camargo und mit Mo Idrissou aus Freiburg kongeniale Partner für seine Anspiele bekommt.
1. FC Köln
Das hatte man sich in Kölle anders vorgestellt. „Prinz Poldi“ kam (zurück), sah, aber siegte nur selten und traf selbst so gut wie gar nicht ins Schwarze. Und Trainer Zvonimir Soldo, ein ruhiger Typ, hatte beim lauten Kölner Boulevard schlechte Karten. Trotz der schwachen Heimbilanz eigentlich ungerecht, weil der FC immerhin die fünftbeste Auswärts-Elf stellte. Findet Soldo noch den nach dem Weggang von Tosic dringend gesuchten offensiven Außen und erweist sich „Prinz Poldis“ Akklimatisierung nach der gelungenen Weltmeisterschaft endlich als abgeschlossen, dann sollte es auch am Saisonende wieder heißen: „Et hätt noch immer jot jejange!“
SC Freiburg
Der Sportclub bleibt der wohltuend ‚andere Verein’. Als die Situation in der letzten Saison immer brenzliger wurde, da bekannte man sich „Jetzt erst recht!“ zu Robin Dutt. Und der zahlte mit dem Klassenerhalt zurück. Das sollte erneut gelingen. Mit u. a. Jan Rosenthal von 96 und mit dem Weißrussen Anton Putsilo, der nach 2008 beim HSV erneut einen Anlauf in der Liga nimmt, hat man sich sinnvoll verstärkt. Sollte es aber nicht klappen, dann geht in Freiburg die Fußball-Welt auch nicht unter. Mit dieser Haltung sind sie im Breisgau auf jeden Fall Gewinner.
Hannover 96
Das war knapp. Buchstäblich in letzter Minute schaffte es 96 ans rettende Ufer, sprich Platz 15. Eine solche Saison mit dem Freitod von Robert Enke als tragischem Höhepunkt hofft man an der Leine nie wieder erleben zu müssen. Das Potenzial für einen gesicherten Mittelfeldplatz besitzt die Elf von Trainer Mirko Slomka auf jeden Fall. Und mit Emanuel Pogatetz hat man aus Middlesbrough einen positiv Bekloppten geholt. „Mad Dog“ nennen sie den Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft, den ich aus Leverkusen noch gut kenne. Er wird für Stabilität in der Innenverteidigung sorgen.
1. FC Nürnberg
Das war knapper als knapp. Erst in der Relegation gegen Augsburg konnte der „Club“ die Klasse sichern. Ob es diesmal früher klappt – da habe ich meine Zweifel. Mit Rubin Rafael Okotie, geboren in Karatschi, aufgewachsen in Barcelona und heute eine der größten Hoffnungen im österreichischen Fußball, kommt zwar ein Stürmerjuwel, das aber erst noch beweisen muss, dass die schwere Knieverletzung vom Vorjahr wirklich überwunden ist. Und den Weggang solcher Stammkräfte wie Breno, Ottl und Choupo-Moting muss die Truppe von Trainer Dieter Hecking auch erst einmal wegstecken.
1. FC Kaiserslautern
Marco Kurz ist ein guter Junge. Sensationell, wie er und Klubboss Stefan Kuntz in Rekordzeit aus jungen Talenten und anderswo Gescheiterten eine echte Einheit formten. Dass es so kaum weitergehen kann, ist logisch. Umso mehr, als Kurz mit Jendrisek und Sam seine Offensiv-Power der Aufstiegssaison verloren hat. Der Bulgare Ilian Micanski, der aus Polen von Zaglebie Lubin kommt, hat zwar eine Top-Torquote, muss die aber erst noch bestätigen. Gut für den FCK, dass wenigstens Leihspieler Ivo Ilicevic endgültig am Betzenberg bleibt. Und mit Christian Tiffert, Chadli Amri und Jan Simunek haben Kuntz und Kurz zudem echte Qualität geholt. Der Klassenerhalt scheint möglich.
FC St. Pauli
Klasse, dass die sympathischen Kiez-Kicker endlich mal wieder im Oberhaus vorbei schauen. Aber nur, wenn sich die Truppe von Trainer Holger Stanislawski wie in Liga Zwei als verschworener Haufen präsentiert, wird daraus auch ein längerer Aufenthalt. Die Idee, mit Gerald Asamoah einen potenziellen Publikumsliebling zu verpflichten, macht auf jeden Fall Sinn. Und mit Moritz Volz kommt von der Insel ebenfalls ein Spieler, der weiß, dass man sich auf St. Pauli den Allerwertesten aufreißen muss, wenn man zu etwas kommen will.
