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Cannavaro - mein WM-Star
Cannavaro - mein WM-Star

WM-Kolumne 2006 - Neuer Beitrag in Calli's Corner


Zinedine Zidane ist ein großer Fußballer, ein fantastischer, bescheidener Mensch - aber er hat, wie wir alle, auch eine Schwäche: Er neigt zur Impulsivität; wenn die Nervenstränge Klavier spielen, ist er nicht der Allercoolste. Das ist bekannt, er ist wegen ähnlicher Delikte schon öfter vom Platz geflogen. Dass ihn dieser Kurzschluss in diesem Spiel erwischt, ist tragisch, aber es zeigt auch, unter welcher Hochspannung die Stars stehen. Zidanes Ansehen, seine außerordentliche Stellung in der Fußballgeschichte schmälert das für mich nicht.

Aber Zidane ist trotz großer Leistungen für mich nicht der Spieler des Turniers, wie die Journalisten bei der traditionellen FIFA-Umfrage urteilten. Ich weiß, dass die meisten Medienvertreter ihre Stimme bereits vor dem Schlusspfiff des Finales abgaben. Vielleicht sollte man das gerade nach diesem Endspiel überdenken und mit der Abstimmung warten, bis die WM wirklich zu Ende ist. Auch 2002 hatten die Journalisten bereits vor dem Endspiel Oliver Kahn zum Gewinner des "Goldenen Balls" gekürt. Nach dem 2:0-Finalsieg Brasiliens durch zwei Tore von Ronaldo, das erste nach einem Patzer von Oliver Kahn, wäre die Wahl sicherlich auf den brasilianischen Stürmer gefallen. 

Der Mann dieser WM ist für mich Fabio Cannavaro, ein Abwehrspieler, der zum Strategen der Defensive gereift ist. Er hat den Goldpokal in den Himmel gereckt, er ist der Star dieser WM. Wissen Sie noch, wer seine Vorgänger waren? Kahn, Zidane, Romario, Scilacci, Maradona, Rossi, Kempes, Cruyff - jetzt sind wir schon 32 Jahre zurück in der WM-Geschichte und mit der Ausnahme von Torhüter Kahn noch nicht auf einen Abwehrspieler gestoßen. Fabio Cannavaro ist also der erste Defensivmann der Neuzeit, der den Status des WM-Stars für mich ohne Wenn und Aber verdient gehabt hätte - das ist kein Zufall. Die Abstimmungspanne wird der italienische Kapitän verschmerzen können, da er nach seinem 100. Länderspiel den Weltpokal für seine Mannschaft und die italienischen Fans in Empfang nehmen durfte.

Es war die Weltmeisterschaft der klugen und aufwändigen Defensivarbeit. Kein sturer Mauerfußball, sondern strategisch anspruchsvoller Rasenschach auf hohem technischem und taktischen Niveau, bei hohem Tempo. Meistens machten zwei defensive Mittelfeldspieler vor zwei, mitunter drei Innenverteidigern den Raum vor dem Tor dicht. Da konnten sich selbst die besten Stürmer der Welt - von Ronaldo und Ronaldinho über Rooney, van Nistelrooy und Adriano bis Toni und Henry - kaum einmal durchsetzen. Und wenn, dann oft nach Standardsituationen oder nach einem genialen, millimetergenauen Pass.

Körperliche und mentale Fitness, dazu taktische Disziplin - wer in diesen drei Bereichen nicht 100 Prozent brachte, war bei dieser WM über kurz oder lang verloren. Als sich in dieser Hinsicht die Spreu vom Weizen getrennt hatte, entschieden oft nur Nuancen, Geistesblitze, Zufälle oder Elfmeter die engen Spiele. 

Muss man, um die Attraktivität des Fußballs zu steigern, die Zahl der Spieler verringern? Einer, den ich in Brasilien kennen lernen durfte, ist der ehemalige Nationalspieler Socrates. Ausgerechnet Socrates, der wie wenig andere mit dem Ball auf Du und Du stand, der auf engstem Raum zaubern konnte, zeigte in seiner Magisterarbeit auf, warum nur eine Reduzierung der Spielerzahl auf 10 oder 9 die Balance zwischen Dynamik und Schönheit des Fußballs wieder herstellen kann. Die Idee ist nicht dumm, viel spricht dafür Aber ich glaube, dass eine solche Revolution gegen die gewaltige Tradition des Fußballs keine Chance haben wird. Elf gegen Elf - dabei wird es immer bleiben.

Ein letztes Wort zu Jürgen Klinsmann: Ich hoffe, dass er weiter macht, denn er hat eine Euphorie entfacht, die dem Fußball in Deutschland gut tut. Auf der anderen Seite ist er Cleverle genug, um zu wissen, dass er sportlich nicht viel mehr erreichen kann und er künftig an dieser WM gemessen wird. Ob ihn das mehr herausfordert oder abschreckt? Die Chancen stehen 50:50. Doch es ist bei dieser Entscheidung wie bei den KO-Spielen der WM: Ein Unentschieden gibt es nicht.



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