
Neuer Beitrag in Calli's Corner - regelmäßige Kolumne für Fujifilm
Der „Final Draw“, oder auf Deutsch, die Auslosung zur Fussball-WM 2006, war eine tolle, feierliche und auch bewegende Veranstaltung. Leipzig war ein grandioser Gastgeber. Rund 500 Millionen TV-Zuschauer verfolgten in 150 Ländern live die gigantische Fussball-Show. Welche Spannung, welches Spektakel, was für Gruppen! Deutschland kann sich 2006 auf tolle Duelle freuen. Und die deutschen Fans können sich ebenso bereits ein ganz klein wenig auf den Vorstoß ins Achtelfinale vorbereiten. Denn das „Hammerlos“ Niederlande blieb Jürgen Klinsmann und seinen Jungs erspart, die Teams, die uns zugelost wurden, dürfen jeden Respekt erwarten, vor Angst in die Knie muss man vor ihnen jedoch nicht gehen. Deutschland ist, ohne wenn und aber, der Favorit in der Gruppe A. In meiner heutigen Kolumne möchte ich Ihnen die drei Gruppengegner (gegen zwei von ihnen gab es noch kein Länderspiel) der deutschen Nationalmannschaft etwas näher vorstellen...
Costa Rica
Meine Güte, was wird in diesem kleinen Land am 9. Juni 2006 los sein. Knapp vier Millionen Einwohner verteilen sich auf knapp 50.000 Quadratkilometer – und ich bin sicher, sie alle werden tanzen, singen, hoffen und beten. Für ihre „Ticos“, wie die Fußballer der costaricanischen Nationalmannschaft daheim zwischen Karibik- und Pazifikküste heißen. Und sie werden stolz sein, weil über eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt beim Eröffnungsspiel der FIFA WM 2006 auch auf diese Jungs schauen.
Zu was die Fußballer aus dem kleinen mittelamerikanischen Staat fähig sind, ist hinlänglich bekannt. Als sie 1990 in Italien debütierten, gab niemand einen Pfifferling für sie. Nach dem Ende der Vorrunde konnten die viel höher eingeschätzten Schweizer und Schotten ein Lied von der Stärke des krassen Außenseiters singen. Hinten hielt der famose Luis Conejo („das Kaninchen“) dicht, vorne wirbelte Ausnahmestürmer Hernan Medford. Ergebnis: Costa Rica kam ins Achtelfinale, wo sie der CSR 1:4 unterlagen. Vor vier Jahren in Korea und Japan schaffte das Team dieses Kunststück zwar nicht, aber Respekt heimste die Mannschaft durchaus ein: Lediglich gegen Brasilien verlor man, besiegte China und spielte remis gegen die Türken, an denen man dann wegen des schlechteren Torverhältnisses scheiterte. Die Türkei kam als Gruppenzweiter weiter und wurde schließlich FIFA WM-Dritter.
Reichlich beschwerlich war der Weg nach Deutschland für die Costaricaner, gepflastert mit Rückschlägen gegen schwächere Teams wie Kuba oder Honduras. So musste zunächst ein Trainerwechsel her: Jorge Luis Pinto ging, Alex Guimaraes kam im April 2005 und mit ihm der „Nationalheld“, der Costa Rica bereits vor vier Jahren zur FIFA WM geführt hatte und 1990 als Spieler zum Kader des Teams gehörte. Am vorletzten Spieltag machte Costa Rica die FIFA WM-Qualifikation mit einem 3:0 Sieg gegen die bereits qualifizierten US-Amerikaner klar: Paulo Cesar Wanchope, Superstar in seiner Heimat und seit diesem Spiel mit 43 Länderspieltreffern auch Rekordtorschütze Costa Ricas, leitete den Triumph ein, der am Ende mit 3:0 recht deutlich ausfiel und etwas darüber hinwegtäuscht, wie schwer die Qualifikation tatsächlich fiel.
Wanchope ist und bleibt der Star der Truppe. Der Stürmer, der nach der FIFA WM seine internationale Karriere beenden wird, spielt mittlerweile beim kuwaitischen Klub Al Arabi, Gilberto Martinez, der Abwehrchef, steht in Italien bei Brescia Calcio unter Vertrag. Im Mittelfeld baut man auf die Aggressivität eines Walter Centeno und die Spielkunst eines Ronald Gomez.
Kann dieser Gegner Deutschland in Gefahr bringen? Ich denke, nein! Selbst wenn man den Druck des Eröffnungsspiels einkalkuliert und die Tatsache, dass die „Ticos“ nichts zu verlieren haben, bin ich davon überzeugt, dass Jürgen Klinsmann seiner Mannschaft die richtige Taktik und Einstellung eintrichtern wird. Denn die, das ist sicher, brauchst du schon gegen Gegner dieses Kalibers.
Polen
Wer hätte das gedacht? Bereits vor dem letzten Gruppenspiel in England war Polen sicher für die FIFA WM qualifiziert. Das Gastgeberland scheint ein gutes Omen für die Elf von Coach Pawel Janas zu sein, denn 1974, als die Fussball-Weltmeisterschaft ebenfalls in Deutschland ausgetragen wurde, erzielte man als Dritter das bisher beste Ergebnis in der Historie des polnischen Fussballs, das man 1982 in Spanien mit dem dritten Platz wiederholen konnte.
Das aktuelle Team, dass bis auf die beiden Spiele gegen England (jeweils 1:2 verloren) alle weiteren acht Matches in der Qualifikationsgruppe gewinnen konnte, ist fest entschlossen ein neues Kapitel der polnischen Fussballgeschichte aufzuschlagen. Oder wie Torhüter Jerzy Dudek, Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool 2005, es prophezeit: "Wir schreiben eine neue Geschichte."
Wird auch Zeit. Wirklich erfolgreich war „bialy i czerwony“ (rot und weiß) zuletzt 1982, damals mit dem großen Zbiginiew Boniek. Es dauerte danach 20 lange Jahre, ehe Polen erneut an einer Weltmeisterschaft teilnehmen durfte. Doch das Turnier in Korea und Japan 2002 verlief enttäuschend. Nach einer herausragenden Qualifikation - neben Gastgebern und Weltmeister Frankreich war Polen die erste qualifizierte Mannschaft - war bereits nach der Vorrunde Schluss.
Dies soll nun anders werden. Als einer der beiden besten Gruppen-Zweiten setzte sich das Team von Janas (gegen Österreich, Wales, Nordirland und Aserbaidschan) auch dank einer herausragenden Offensivabteilung mit Jacek Krzynowek (Bayer Leverkusen), Maciej Zurawski (Celtic Glasgow) und Tomasz Frankowski (FC Elche/Spanien) durch. Rechnet man noch den Dortmunder Ebi Smolarek hinzu, verfügen die Polen über ein ansehnliches Offensivpotenzial. Viele Tore sind also wahrscheinlich – doch ich glaube, dass den Polen der Schuh hinten drückt: So beeindruckend die Offensive, so anfällig präsentiert sich häufig die Defensive.
In der Vierer-Abwehrkette fehlt oft Harmonie und Abstimmung. Vor allem die Außenverteidiger Tomasz Rzasa und Marcin Baszczynski lassen sich gerne mal überlaufen. Innen spielt Kapitän Jacek Bak zwar regelmäßig, allerdings fehlt ihm bei seinen Vereinsspielen in Katar das absolute Top-Niveau. Die Abwehrrecken Tomasz Klos, Tomasz Hajto, Radoslav Kaluzny haben zwar alle eine Menge Länderspiele für Polen auf dem Buckel, doch in der Bundesliga konnte sich diese drei zuletzt nicht mehr behaupten. Dennoch stellen sie für Polens Trainer echte Alternativen dar.
"Bei uns fallen viele Tore. Leider auch hinten", stöhnt also Trainer Janas, der sich trotz erfolgreicher Qualifikation nicht scheuen wird, bis zum WM-Start mit frischen Kräften zu experimentieren. Ein Kandidat ist der 29-jährige Topstürmer vom Aufsteiger Kolporter Kielce, Grzegorz Piechna. Das fördert den internen Konkurrenzkampf, denn im Gegensatz zu Vorgänger Jerzy Engel 2002 verspricht Janas keinem seiner aktuellen Helden ein Ticket für Deutschland. 2002 ging dies ja prompt schief.
Die Polen aktuell einzuordnen, ist schwer. Zehn Jahre liegt unser letztes Spiel gegen den Nachbarn zurück, beim 2:0 erzielte Jürgen Klinsmann damals einen Treffer. Die Polen heute sind zweifelsohne stärker. Wenn die Klinsmann-Elf sie packen will, dann wohl am besten mit Tempo-Fussball und gnadenloser Offensive. Ich glaube, in dieser Partie werden viele Tore fallen. Aber weil die besten Polen für Deutschland stürmen – Miroslav Klose und Lukas Podolski – bin ich optimistisch, dass es mindestens eins mehr für Deutschland sein wird.
Ecuador
Wer Brasilien und Argentinien schlägt, der gehört normalerweise zu den FIFA WM-Favoriten. Die Ecuadorianer haben dieses Kunststück in der FIFA WM-Qualifikation geschafft – trotzdem würde niemand sie zum Kreis der Anwärter auf den Titel zählen. Dies liegt vor allen Dingen daran, dass diese Siege gegen die Giganten des südamerikanischen Fußballs in der Höhe von Quito, rund 3000 Meter über dem Meeresspiegel, gefeiert wurden. Auswärts dagegen und auf Meeresspiegel-Niveau hapert es regelmäßig.
Trotzdem gehört Ecuador zu den Teams, die man beachten sollte. Erstens, weil es an sich bereits eine Auszeichnung ist, sich hinter den großen Zwei direkt für eine FIFA WM zu qualifizieren in diesem südamerikanischen Hammer-Turnier mit 10 Teams. Zweitens, weil gute, erfahrene Spieler in dieser Mannschaft spielen, die längst auch für taktische Disziplin steht, für gute Ballkontrolle und gefährliche Offensivaktionen.
In der Abwehr der "Tri" ist neben dem 127-fachen Rekordnationalspieler Ivan Hurtado (Al-Arabi/Katar) der in England erprobte Haudegen Ulises de la Cruz (Aston Villa/31 Jahre/78 Länderspiele) gesetzt. Davor räumt Staubsauger Edwin Tenorio (29/62) ab und im vorderen Mittelfeld sorgen der schussgewaltige Edison Mendez (26/56) sowie zuletzt immer mehr auch die Jungstars Christian Lara (25/3) und Antonio Valencia (20/12) für die Musik. Letzterer wurde eben erst vom spanischen Champions-League-Qualifikanten FC Villarreal verpflichtet. Und vorne schreckt Rekordtorschütze Agustin Delgado (27 Treffer in 64 Länderspielen), einst bei Southampton in der Premier League aktiv, die Gegner. Jede Menge Länderspiele also, jede Menge Erfahrung, mit der sich Jürgen Klinsmanns Mannschaft auseinandersetzen muss.
Allerdings: Bei allem Respekt darf man die Probleme der Truppe nicht unter den Tisch kehren. Von 27 Punkten in der Quali holte die „Tri“ 23 daheim. Auswärts präsentiert sich die Mannschaft von Luis Suarez eher schüchtern, verhalten und gehemmt. Lediglich ein Spiel wurde in der Fremde gewonnen, natürlich gegen Kolumbien, natürlich in La Paz – das liegt noch knapp 1000 Meter höher als Quito. Diese vornehme Zurückhaltung will ihnen der Trainer austreiben, seine Maßnahmen können sich sehen lassen. Immer öfter schickt er die Spieler zur Vorbereitung in die „Escuela Superior Militar“, einer alten, schmucklosen Militärschule, wo sie – abgeschottet von der Außenwelt – nicht nur trainieren, sondern fern jeden Luxusgedankens regelrecht Aggressionen aufbauen. Ob die aber reichen auf dem langen Weg nach Deutschland? Ich bin nicht davon überzeugt. Was für Costa Rica und Polen gilt, gilt auch für Ecuador: Mit der nötigen Konzentration wird Deutschland diese Mannschaft schlagen. Und das liegt nicht nur daran, dass wir gegen Ecuador nicht auf der Zugspitze spielen werden.
Sie spüren es…..ich bin davon überzeugt, dass Deutschland diese Gruppe gewinnen wird. Wenn, ja wenn sich keine Überheblichkeit einschleicht, wenn sich der öffentliche Druck nicht kontraproduktiv auswirkt, wenn eben alles normal läuft. Ich wünsche Jürgen Klinsmann, seinem Team und natürlich uns allen, dass Deutschland das Achtelfinale erreichen wird. Die deutschen Fans werden jedenfalls mit grenzenloser Stimmung und Euphorie Ballack und Co. als 12. Mann bedingungslos nach vorne schreien.
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