
WM-Kolumne 2006 - Neuer Beitrag in Calli's Corner
Deutschland hat das Achtelfinale erreicht. Und damit nicht mehr als das absolute Minimalziel. Wirklich nicht? Ich meine: Doch! Die Elf von Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat eine Begeisterung bei uns entfacht, die ich so vor Monaten nicht für möglich gehalten hätte. Was ich wusste, und auf Dutzenden Vorträgen als WM-Botschafter immer wieder betont habe, war, dass diese Mannschaft für Furore sorgen kann, wenn sie von der Begeisterung des Publikums getragen wird. Und diese Begeisterung ist momentan grenzenlos. Doch wie gesagt: Die deutsche Elf machte, was sie machen musste. Dies allerdings mehr als souverän, leidenschaftlich und mit viel Herzblut. Dass die Gegner nicht zur Crème de la crème des Weltfußballs gehörten, wird jeder Realist anerkennen. Dass die Ecuadorianer ihre besten Spieler schonten, mag zur klaren Überlegenheit beigetragen haben. So wurde die Bullenhitze in Berlin zum härtesten Gegner. Und trotzdem: Fußball-Deutschland quillt über vor Optimismus!
Ob Schweden, der Gegner im Achtelfinale, diese Hoffnungen zunichte machen kann? Eine Prognose ist schwer. Jedem muss bewusst sein: Jetzt kann nach jedem Spiel, nach jeder noch so großen Leistung, Schluss sein. Doch ich glaube, dass die Klinsmann-Truppe während der Vorrunde soviel Selbstvertrauen getankt hat, dass ihr einiges zuzutrauen ist. Unterschätzen werden sie den Gegner nicht, der Bundestrainer und seine Kollegen aus dem Trainer-Team strahlen einen wohltuenden Realismus aus, sie haben jeden Gegner seziert und vergessen vor allen Dingen nicht, die eigene Mannschaft an ihre Schwächen zu erinnern. Selbstvertrauen ja, Wolkenkuckucksheim nein!
Zehn Teams haben sich nun für die KO-Runde qualifiziert und ausnahmslos setzten sich bis jetzt die Teams durch, die man dort auch erwartet hätte. Was diese WM bisher vermissen lässt, sind die Sensationen. Für Überraschungen können noch Australien (gegen Kroatien) und Ghana (gegen die USA) sorgen. Eine Sensation allerdings wäre der Aufstieg der beiden Teams in die Runde der letzten Sechszehn nach ihren bisherigen tollen Auftritten nicht.
Höllisch aufpassen müssen zwei Teams, die im erweiterten Favoritenkreis gehandelt wurden: Tschechien und Frankreich. Während unsere östlichen Nachbarn gegen Ghana einen schwachen Tag erwischten und zudem arg unter dem Verletzungspech der Stürmer Jan Koller und Milan Baros leiden, müssen sich die Verantwortlichen der Franzosen, in erster Linie ihr knorriger Trainer Raymond Domenech, kritische Fragen gefallen lassen. Wer solch ein Mittelfeld mit Zidane, Makelele, Vieira oder Angreifer wie Henry und Trezeguet zur Verfügung hat und trotzdem nichts auf die Reihe kriegt, der kann schlicht und einfach nicht alles richtig gemacht haben. Frankreich wäre morgen bei einem Sieg (mit 2 Toren Unterschied) für das Achtelfinale qualifiziert und könnte sich nochmals neu aufstellen. Sollte dies jedoch nicht klappen, so wäre die Ära der großen Franzosen endgültig beendet.


