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Kick-Off der WM für Menschen mit Behinderung
Kick-Off der WM für Menschen mit Behinderung

Botschafter Reiner Calmund im Interview mit der Wochenzeitung "Wir in..."


Wir in...: Herr Calmund, wie entstand Ihre persönliche Verbindung zum Behindertensport? Haben Sie selbst in Familie oder im Bekanntenkreis Kontakt zu behinderten Menschen?
Reiner Calmund: Ich bin in erster Linie über den Fußball und Bayer Leverkusen mit behinderten Menschen in Kontakt gekommen. Dort gibt es eine große Behinderten-Abteilung, die im Breiten- und Spitzensport sehr erfolgreich arbeitet. Mich hat es fasziniert, mit welcher positiven Lebenseinstellung sie ihre Schicksalsschläge gemeistert haben. Vor dem DBS-Ehrenvorsitzenden und Initiator der Fussball-WM für Menschen mit Behinderung, Theo Zühlsdorf, habe ich großen Respekt, ich kenne ihn und seine Philosophie und Visionen seit vielen Jahren.

Wir in...: Was geschieht bei einem solchen Verein in puncto Integration behinderter Menschen?
Calmund: Die Integration wurde in Leverkusen nicht nur in der Behindertensportabteilung, sondern auch im Profi-Fußball vollzogen. Beispielsweise wurden das Fußball-Wohnzimmer von Bayer 04, der Rasen und die Gartenanlage zum großen Teil von Behinderten gepflegt. Ich habe nicht nur gute, sondern sehr gute Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Behinderten gemacht. Damals waren wir auch Vorreiter bei der Unterstützung des Vereins 'Die Sehhunde'. Dieser Verein setzt sich dafür ein, dass blinde und sehbehinderte Menschen die Spiele live im Stadion miterleben können. Das war für uns nicht nur eine soziale Aktion, sondern wurde von unserem Führungsgremium, Vorsitzender Kurt Vossen, Sportdirektor Rudi Völler und dem damaligen Chef-Trainer Christoph Daum, der heute Ehrenmitglied der ´Sehhunde´ ist, mit ganzem Herzen, auch über die Stadionbesuche hinaus, unterstützt.

Wir in...: Wie nehmen blinde Menschen im Stadion das Spiel überhaupt wahr und wie wissen die, was auf dem Rasen passiert?
Calmund: Das sind oft Menschen, mit einem außergewöhnlich hohen Fußballsachverstand. Wir haben seit 1999 Sitzplätze im Stadion für diese Fans eingerichtet, wo sie über Kopfhörer die Spiele kommentiert bekommen. Mittlerweile haben die anderen Bundesligisten nachgezogen und es gab sogar bei der FIFA WM 2006 einen entsprechenden Service für Blinde und Sehbehinderte. Wenn Sie mit denen über aktuelle Fußballthemen diskutieren, stellt man schnell fest, dass man es mit absoluten Fußball-Experten zu tun hat.

Wir in...: Gerade Christoph Daum stellt sich nun auch als Co-Trainer der deutschen Behindertennationalmannschaft in den Dienst der guten Sache. Ist das auch Ihnen zu verdanken?
Calmund: Unterstützung auf breiter Basis ist wichtig für die Menschen. Schauen sie im Internet unter www.inas-fid-wm2006.de nach, dort finden sie eine ganze Kompanie von prominenten Botschaftern aus Sport, Politik, Wirtschaft und Medien, die diese Veranstaltung unterstützen.

Wir in...: Was erwartet die Besucher und Fans bei den Spielen der INAS FID Fussball-Weltmeisterschaft der Behinderten?
Calmund: Ich glaube, dass es eine tolle Atmosphäre in den Stadien geben wird. Auf dem Platz wird das Publikum engagierten und guten Fußball zu sehen bekommen. Ich kenne seit 30 Jahren Willi Breuer, den Nationaltrainer der deutschen Behindertenfußballer, sehr gut. Ich weiß, dass er die Mannschaft mit viel Herz und Leidenschaft aufspielen lassen wird. Aber jeder sollte bedenken, dass es hier nicht in erster Linie um ein 1:0 oder einen WM-Sieg geht.

Wir in...: Wie sehen Ihre Berührungspunkte als WM-Botschafter mit der deutschen Mannschaft aus?
Calmund: Bei einer vorbereitenden Veranstaltung in Hürth habe ich die Jungs der Nationalmannschaft kennen gelernt. Das sind wirklich fantastische, nette Kerle, mit denen man viel Spaß haben kann.

Wir in...: Ist da die Vorfreude auf die WM bei den Spielern schon zu bemerken?
Calmund: Natürlich wollen die Spieler Weltmeister werden. Auch Trainer Willi Breuer hat den sportlichen Ehrgeiz mit seinem Team erfolgreich zu spielen. Aber für mich als WM-Botschafter geht es um mehr. Die WM wird vom Bundespräsidenten Horst Köhler beim Länderspiel Deutschland- Japan am 29.August in Duisburg eröffnet. Altkanzler Gerhard Schröder tritt als Schirmherr der WM in Erscheinung. Ich finde es toll, dass neben vielen Unternehmen und Prominenten auch der DFB und die Medien die Veranstaltung unterstützen. RTL-Moderatorin Ulrike von der Groeben und WDR-Reporter Manni Breuckmann präsentieren die WM-Eröffnungsgala am 27.August in der Kölnarena und das WDR-Fernsehen überträgt alle Spiele der deutschen Mannschaft live im Fernsehen. Das zeigt, welche Bedeutung diese WM in der Gesellschaft und in den Medien hat.

Wir in...: Was erhoffen Sie sich für behinderte Menschen? Was kann die WM bewirken?
Calmund: Mir und allen anderen Botschaftern geht es um Normalität. Der Umgang zwischen Menschen mit und ohne Behinderung muss ohne Hemmungen und Vorbehalte zum normalen Alltag werden.


Wir in...: Ist das leichter durch die Plattform Fußball?
Calmund: Vielleicht gibt es keine bessere Integrationsplattform als den Fußball. Dadurch kann allen Menschen, auch den jüngeren, gezeigt werden: 'Jawoll, das hier ist ein Miteinander, ein Füreinander, auch mit Behinderten, das ist Normalität!'.

Wir in...: Es wäre schön, wenn das auch nach der WM den Alltag beeinflussen könnte.
Calmund: Das wichtigste ist, dass gar nicht mehr soviel darüber diskutiert wird, ob behinderte Menschen eine Randgruppe darstellen. Die Integration muss an erster Stelle stehen, sie ist wichtiger als jedes Ergebnis. Unsere Pflicht ist es, den Menschen zu helfen, die leider oft genug ins gesellschaftliche Abseits gedrängt wurden und werden. Dick, dünn, rund, eckig, behindert und nicht behindert, das muss die totale Normalität sein.



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