
Der Confederations-Cup gilt als Testlauf für die WM 2006 und das bringt auch einen WM-Botschafter in Wallung. Heute in Köln, morgen in Frankfurt, übermorgen in Leipzig, kurz nach Nürnberg und wieder zurück: Reiner Calmund ist im Stress. Und freut sich trotzdem: "Weil ich Fußballverrückt bin!" In einem Interview mit www.sport.de schildert Reiner Calmund seine Eindrücke vom Stand der Vorbereitungen ein Jahr vor der WM, spricht über den Wert der Mini-WM, die wirtschaftliche Bedeutung des Mega-Events und seine Rolle als WM-Botschafter, fujifilm-Repräsentant und RTL-Kommentator.
1. Herr Calmund, wie geht es Ihnen zurzeit als WM-Botschafter? Und was macht ein WM-Botschafter eigentlich genau?
Es ist stressig, aber schön stressig. Ich bin ein Kind des Fußballs, ein Fußball-Bekloppter. Und für mich kann es nichts schöneres geben, als an diesem Riesen-Projekt WM 2006 aktiv mitzuarbeiten, mein Know-How einzubringen, der Basis klar zu machen, auf was es ankommt. Das alles macht mich stolz und bei allem Stress noch 15 Jahre jünger.
2. Wie beurteilen Sie den Stand der Dinge in Bezug auf die Vorbereitung zur WM, die genau in einem Jahr startet? Wie sieht es in den WM-Städten aus?
Die 12 WM-Städte sind gerüstet, Kaiserslautern wird Ende des Jahres fertig sein. Darüberhinaus entstanden in anderen Städten wie Mönchengladbach, Düsseldorf, Bremen, Rostock, Duisburg oder Wolfsburg, wo keine WM-Spiele stattfinden auch moderne Stadien, so dass wir, Stand heute, sagen können: Deutschland verfügt über die beste und modernste Stadion-Infrastruktur der Welt. Darüberhinaus werden die Verkehrswege optimiert, auch wenn es sich mal stauen wird in den Bereichen rund um die Stadien, werden die Bedingungen hervorragend sein. In den Bereichen Organisation, Logistik und Rahmenprogramme wird diese WM das non-plus-ultra erleben, davon bin ich überzeugt. Aber: Dies alleine reicht nicht! Diese Veranstaltung wird von Menschen für Menschen gemacht. Diese Menschen erfüllen sie mit Leben. Wir werden die Gäste aus aller Welt mit herzlicher Gastfreundschaft empfangen, uns selbst und auch unseren Nachbarn ein wahres Wir-Gefühl vermitteln. Dies ist der Garant für Euphorie, Emotionen, Leidenschaft und wahre Freude.
3. Wie sieht Ihr persönlicher Fahrplan für die nächsten 12 Monate aus und sind persönliche Highlights für Sie dabei?
Mein persönlicher Fahrplan umfasst vier Stationen: Zunächst den Confederations-Cup als wichtigen Testlauf für die WM. Dann die Schlussphase der WM-Qualifikation mit dem abschließenden Highlight, der WM-Auslosung in Leipzig. Schließlich das Buchen der Quartiere und Trainingslager. Dies alles steht bei mir unter dem Motto Vorfreude. Das ist wie früher, wenn wir in der Adventszeit Plätzchen backen durften oder vor dem Urlaub den letzten Großeinkauf machten. Es kribbelt am ganzen Leib. Das Highlight schlechthin wird natürlich der Tag, an dem der Ball erstmals rollt. Darüberhinaus bin ich neben den vielen Veranstaltungen als WM-Botschafter auch für den FIFA WM-Sponsor Fujifilm als Repräsentant tätig. Und mit Beginn der WM-Auslosung werde ich meine Mitarbeit in der RTL-Sportredaktion starten. Ich freue mich gemeinsam mit Rudi Völler, Günther Jauch und der RTL-Sportredaktion auf die WM. Glauben Sie mir: Ich freue mich auf jeden einzelnen Tag bis dahin!
4. Was bedeutet die WM eigentlich aus Ihrer Sicht für Deutschland?
Vom 9. Juni bis zum 9. Juli 2006 werden insgesamt 30-40 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt vor den TV-Schirmen sitzen und nach Deutschland schauen. Dies birgt die große Chance, sich als gastfreundschaftliches Land darzustellen. Deutschland darf nicht nur seinen Ruf als starke Wirtschaftsnation polieren, Deutschland hat viel mehr zu bieten: Kultur, Geschichte, Tradition. In diesem Land haben seit mehr als vierzig Jahren viele Millionen von Menschen aus aller Welt eine zweite Heimat gefunden, wurden integriert und fühlen sich heutebei uns heimisch und pudelwohl. Diese Weltoffenheit und Toleranz müssen wir rüber bringen in die Welt. Und in unserem Land den vielen Millionen Besuchern vermitteln. Den knapp drei Millionen, die Karten erstehen konnten, der viel größeren Gruppe, die ohne Karten kommt und bei den public-viewing-Veranstaltungen Fußball und Kultur genießen will. Und jedem, der in Deutschland lebt, dem sage ich: "Runter vom Sofa, den Nachbar rausklingeln und ab auf den Marktplatz." Das sind die kleinen Aktionen, die das Gemeinschafts- und Wir-Gefühl immens stärken. Wirtschaftlich rechnen Experten mit einem Ansteigen des Brutto-Inlands-Produktes von rund 10 Milliarden Euro, vor allen Dingen in den Bereichen Bau, Tourismus, Dienstleistungen. Temporär schafft die WM rund 40 000 Arbeitsplätze, von denen 10 000 bestehen bleiben sollen. An diesen Zahlen wird der Wert einer solchen Veranstaltung deutlich. Aber wir dürfen nicht vergessen, das ganze mit Leben und Stimmung zu erfüllen!
5. Wie sehen Sie die Situation der deutschen Nationalmannschaft momentan und wo sehen sie unsere Mannschaft bei der WM?
Die deutsche Mannschaft wird sicherlich die meisten Fans auf ihrer Seite haben. Dieser "12. Mann" kann sehr, sehr wichtig sein. Deutschland ist nicht Top-Favorit wie Brasilien etwa. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass man mit Begeisterung, Willen und dem nötigen Quäntchen Glück Berge versetzen kann. Für die Stimmung im Land ist es wichtig, dass der Gastgeber eine gute Rolle spielt. Und ich bin davon überzeugt, dass dies Jürgen Klinsmann und seinen Spielern gelingen wird. Die Mannschaft wird fit und motiviert sein. Ob das letztlich reicht, ganz vorne zu landen, wird man sehen. Aber oft genug hat es geklappt.
6. Der Confed Cup oder die Mini-WM startet jetzt in Deutschland. Wie sehen Sie den Stellenwert des Turniers und was bedeutet es für das kommende Jahr?
Diese Mini-WM ist, weder sportlich noch organisatorisch oder von der Stimmung her, mit der "großen" WM zu vergleichen. Trotzdem spüre ich überall große Vorfreude auf den Confed-Cup. Die Menschen sehen ihn als Generalprobe, als Testlauf für die WM 2006. Wichtig ist er sportlich für die deutsche Mannschaft, weil sie in diesem Turnier den Wettkampf simulieren kann, der wegen der Direkt-Qualifikation fehlt. Ich rechne fest mit dem Vordringen ins Halbfinale, dann ist naturgemäß alles drin.
7. Haben sie es schon manchmal bereut, sich ehrenamtlich als WM-Botschafter zur Verfügung gestellt zu haben?
Nein, bereut habe ich das sicher noch nie. Aber ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass der Arbeitsaufwand noch größer ist als in meinem Manager-Job. Der Unterschied: Ich mache es mit viel mehr Freude, weil dieser spezielle Druck fehlt. Deshalb würde ich es immer wieder machen.
8. Was macht Ihnen an dem Job am meisten Spaß? Bleibt Ihnen noch Zeit für ein Privatleben?
Ich komme tagtäglich mit Menschen zusammen, denen die Vorfreude auf die WM aus jeder Pore strahlt. Ob Politiker, Funktionäre, Unternehmer oder der Mann von der Straße - jeder will, dass das Ding super über die Bühne geht. Ich spüre überall Motivation, Leidenschaft und Begeisterung, ein Wir-Gefühl, dass alle verbindet. Bei all diesen Terminen kommt das Privatleben natürlich zu kurz. Aber meine Frau, mit der ich ja gemeinsam arbeite, freut sich genauso und ist mit Herz bei der Sache. Deshalb ist der Streß kein privates Problem.
9. Worauf freuen Sie sich am meisten bei der WM?
Auf die Spiele, auf den Moment, wo der Ball rollt. Aber auch auf den gesamten Rahmen, die farbenfrohen Fans aus der ganzen Welt, dieses einzigartige Get-together. Das ist es, was den Fußball ausmacht.

