
DON CALLI MACHT DIE LIGA RUND (25) - Reiner Calmund schreibt im Express
Das wird ein großer Fußballtag in Köln! Otto Rehhagel kommt zum ersten Mal als Trainer ins Rhein-Energie-Stadion zurück:
Erstmals seit 1998, als er mit dem 1. FC Kaiserslautern – damals noch in der alten Müngersdorfer Betonschüssel – als Aufsteiger sensationell die Deutsche Meisterschaft feierte. Die Geißböcke verabschiedeten sich damals erstmalig für zwei Jahre in die 2. Liga.
König Otto überbrückte seine Bundesliga-Abstinenz – wie es sich für einen Erfolgstrainer gehört – mit dem Europameister-Titel und EM- und WM-Qualifikationen für Griechenland. Doch die Aktualität ist ganz, ganz anders. Wie der 1. FC Köln funkt auch Hertha BSC SOS, Abstiegsalarm ist angesagt, Otto muss retten, was zu retten ist.
Kann Hertha dem FC gefährlich werden? Fakt ist: Die Kölner befinden sich nach respektabler Hinrunde im Tief. Daran ändert auch der Punkt von Hoffenheim wenig. Zu Hause gelang 2012 noch kein Sieg, beim 1:4 gegen Schalke und beim 0:1 gegen den HSV wurden Bigpoints verpasst. So hieß es nach dem 0:3 gegen Leverkusen: Abstiegskampf pur!
Dies alles passierte auch, weil das Verletzungspech die Mannschaft einholte. Nun sind bis auf Abwehr-Allrounder Ammar Jemal alle Spieler fit. Aber reicht das? Ich habe meine Zweifel. Denn es fehlen ein paar ganz wichtige Elemente beim FC: Die Stimmung, das Miteinander, die Perspektive, dass etwas aufgebaut wird.
Das liegt weniger an Poldis Abgang. Denn Lukas sorgt als Sympathieträger und durch seine Tore als Lebensversicherung für den berühmten Silberstreif am FC-Horizont. Der ständige Streit zwischen Volker Finke und Stale Solbakken grenzt jetzt wirklich an Kinderei.
Leider ist so etwas gefährlich, weil es die Stimmung vermiest, und kein Unternehmen kann erfolgreich arbeiten, wenn die Stimmung kaputt ist. Mir ist völlig schleierhaft, was die beiden sich dabei denken, die Öffentlichkeit mit diesen Scharmützeln zu bedienen. Hat man das Gefühl, es geht um den Verein? Oder doch um das Ego? Mann, oh Mann, Wahnsinn!
Erinnern wir uns mal kurz an die erfolgreiche Zeit unter Frank Schaefer. Warum hatte man damals das Gefühl, es würde sich etwas ändern? Klar, das lag am sportlichen Aufschwung, vor allem im eigenen Stadion. Aber es lag auch daran, dass der Verein ein Miteinander ausstrahlte. Das fing beim gemeinsamen Essen an und hörte bei den Umgangsformen noch lange nicht auf. Schaefer schuf Disziplin, die für den sportlichen Erfolg unglaublich wichtig ist.
Da sind wir wieder bei Otto Rehhagel. Er kam in einer bedrohlichen Situation zur Hertha, die zuvor in 27 Bundesliga-Heimspielen nur zwei Siege gefeiert hatte. Das langt eigentlich für zwei Abstiege. Da würde sich selbst ein Trainer-Trio aus Jogi Löw, Jürgen Klopp und Lucien Favre schwertun. Mit Otto gelang gegen Bremen der dritte Bundesligasieg im 28. Heimspiel.
Und der wurde gefeiert wie eine Auferstehung, wie ein gefühlter Klassenerhalt. Aber das ist nicht der alleinige Grund, warum seine Verpflichtung der richtige Schritt war. Die „Hertha“ wurde einst nach einem Ausflugsdampfer benannt. Und dieses stolze Schiff ist im Begriff zu sinken. Und wer könnte da besser helfen als ein erfahrener Kapitän?
Otto hat alle Grüppchen zerschlagen. Eiserne Disziplin ist erstes Gebot, alle hören auf den Chef, keiner spricht ohne Genehmigung. Wenn der Baum schon brennt, muss nicht noch zusätzlich gezündelt werden. Nach drei Wochen Otto ist klar: In Berlin rudern alle in eine Richtung, alle auf dem gleichen See, vom Präsidenten bis zum Zeugwart. Ottos Autorität, Ausstrahlung und Erfahrung ist ein Garant dafür, dass Ruder noch einmal herumzureißen.
Rehhagel hat Dutzende Gespräche geführt, zerrissene Nervenkostüme geflickt, Selbstvertrauen geweckt. Er hat das verwöhnte Berliner Publikum (warum eigentlich?) beruhigt und so praktisch den 12. Mann eingewechselt. Alles für die Hertha! Alle wie aus einem Mund! Aus Ottos Mund. Neben Fitness, Ordnung und taktischer Disziplin bedient er auch Schaefers Erfolgsrezept. Er achtet auf Kommunikation in der Mannschaft.
Alle – auch die Brasilianer – sollen im Team Deutsch sprechen, das stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Handy, SMS, MP3-Player oder die beliebten Kopfhörer sind im Mannschaftstrakt absolut verboten. Es klingt zwar alt, ist aber für Teamgeist und Erfolg unabdingbar. Wie sagt Otto so gerne: Modern ist zu gewinnen.
Das ist die letzte Chance der Berliner. Beide Klubs, der FC wie auch Hertha, haben ein Problem: Die Erwartungshaltung übertrifft die Qualität, mal mehr, mal weniger. Während in Freiburg und Augsburg jeder weiß, um was es geht, leiden Traditionsklubs unter diesem Druck. Während in Freiburg und Augsburg ein Abstieg kein Drama wäre, wissen sie in Köln und Berlin, dass es im Falle eines Falles richtig was auf die Mütze gäbe. Das kann lähmen!
Wie geht es Samstag aus? Ich bin davon überzeugt, dass der FC die bessere Mannschaft hat. Und ich bin überzeugt davon, dass am Ende der Klassenerhalt steht. Aber viel passieren darf nicht, jetzt müssen alle an einem Strang ziehen, auch Finke und Solbakken. Und die Hertha? Trotz Otto sehe ich die Chancen auf den Klassenerhalt bei höchstens 50 Prozent. Aber wenn einer daraus etwas machen kann, dann er!

