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"Die Rückrunde wird alle vom Hocker reißen"
"Die Rückrunde wird alle vom Hocker reißen"
01:00 Uhr

Die ehemaligen Vereinsmanager Rudi Assauer und Reiner Calmund trafen sich vor der Rückrunde zu einem exklusiven Gespräch mit WELT.de


Von Oliver Müller und Lars Gartenschläger

Über Jahrzehnte waren Reiner Calmund, 58, und Rudi Assauer, 62, feste Größen in der Bundesliga. Der wegen seines Körperumfangs stets "XXL-Manager" genannte Calmund führte Bayer Leverkusen 16 Jahre lang, "Stumpen-Rudi" Assauer war insgesamt 18 Jahre Manager des FC Schalke. Beide gewannen den Uefa-Cup und den DFB-Pokal. Für die "WELT.de trafen sie sich im Hotel "Majestic Best Western" in Düsseldorf und diskutierten über die Bundesliga und den deutschen Fußball im Jahr 2007. 

WELT.de: Mit Sebastian Deisler hat gerade eines der größten deutschen Fußballtalente im Alter von 27 Jahre seine Karriere beendet. Was dachten Sie, als Sie von dieser Nachricht hörten? 
Rudi Assauer: Im ersten Moment war ich überrascht. Doch irgendwie ist es das Ende eines Dramas, das damals in Berlin mit dem Hype um ihn begonnen hat. Ich bin mir sicher, dass er nicht nur aus körperlichen Gründen so früh gescheitert ist. Er war mental kaputt - total fertig. Wenn man sich mit 27 Jahren zu diesem Schritt entschließt, muss einen schon mehr belasten als ein schmerzendes Knie. Im Grunde ist diese Geschichte sogar ein warnendes Beispiel für junge Leute, die gerade auf dem Sprung nach oben sind. 
Reiner Calmund: Du brauchst doch nur nach Sevilla schauen. Was ist denn aus David Odonkor geworden? Bei der WM haben wir den gefeiert - zu Recht. Aber heute sitzt er auf der Bank oder der Tribüne. 

WELT.de: Wie könnten die Vereine ihren Spielern helfen? 
Assauer: Die entscheidende Phase tritt ein, wenn die Jungen wie Phönix aus der Asche schießen und ihnen Freunde, Bekannte und die Medien anfangen zu erzählen, dass sie Galaktische oder Glorreiche wären. Das verkraftet der eine oder andere nicht. Uli Hoeneß (Manager des FC Bayern, d.Red.) hat sich ja in dieser Woche Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger vorgeknöpft und angekündigt, dass er anders mit ihnen umgehen wird. Natürlich weiß er, dass das zwei begnadete Fußballer sind. Aber die beiden haben etwas die Bodenhaftung verloren und holen nicht mehr alles aus sich heraus. Es kann dich erdrücken, wenn sich plötzlich viele Leute um dich scharen. 
Calmund: Du meinst die, die dir dann erzählen, dass sie nur dein Bestes wollen - aber eigentlich wollen sie dein Geld. 
Assauer: Genau die.

Calmund: Deshalb können Poldi und Schweini froh sein, dass sie so einen Manager wie Uli Hoeneß haben, der nicht nur erfahren und fachlich kompetent ist, sondern - wie der Fall Deisler zeigt - eine große soziale Ader hat. Trotzdem muss ich mal eine Lanze für die jungen Profis von heute brechen. Wir alten Säcke sind doch mit Schuld daran, dass der eine oder irgendwann nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Hier sind beide Seiten gefordert, die Dinge richtig einzuordnen.

WELT.de: Und vielleicht nicht jeden 40-Meter-Pass, der auch ankommt, als Traumpass zu bezeichnen. 
Calmund: Das ist schon in Ordnung. Superlative sorgen mit dafür, dass die Bundesliga boomt - übrigens tut sie das auch, ob nun mit uns oder ohne uns beide. Es wird zwar nicht überall so gut Fußball gespielt wie in Bremen, und es gibt leider auch zu viele fußballerische Defizite, dennoch ist es spannend in der Liga. Die Rückrunde wird alle vom Hocker reißen. Vier Mannschaften kämpfen um den Titel, dann kommt ein kleines Mittelfeld, das um die Uefa-Cup-Plätze kämpft, ehe es schon an sieben, acht Teams geht, die Angst vor dem Abstieg haben. Da sitze ich doch als Fan im Stadion oder vor dem Fernseher und sage mir: Mensch, ist das geil.

WELT.de: Das ist die nationale Wahrnehmung, im internationalen Vergleich hinken die deutschen Vereine hinterher. 
Calmund: Das muss uns zu denken geben und analysiert und geändert werden. Was mich aber stört, ist, dass wir immer vom tollen Fußball in Spanien, Italien oder England reden. Wie toll ist der denn? Ich finde es zu einfach, wenn man sagt: Die machen alles besser, und da ist alles besser. Was uns vorrangig unterscheidet, ist das Investitionsvolumen. Die Bundesliga muss sich Gedanken machen, wie sie diese Nachteile kompensieren kann. Aber unabhängig davon kann es dennoch nicht sein, dass unsere Uefa-Cup-Teilnehmer in den letzten Jahren in der Vorrunde eine Ausscheidungsquote im Uefa-Cup von 60, 70 Prozent haben. Und das gegen Teams, die effektiv nicht besser waren.

WELT.de: Dann ist es auch eine Frage der Qualität. 
Assauer: Mit Sicherheit liegt es nicht nur am Geld. Wir brauchen doch nur mal schauen, wer von unseren Profis im Ausland gefragt ist. Die einzigen Top-Leute sind Jens Lehmann und Michel Ballack. Vielleicht wird Miroslav Klose bald der nächste sein.

WELT.de: Würden Sie ihm zu einem Wechsel ins Ausland raten? 
Calmund: Ganz im Gegenteil. Viele sagen ja, dass er ins Ausland und bloß nicht zu den Bayern gehen sollte, wenn es die Bremer nicht schaffen, ihn zu halten. Ich wünsche Werder, dass es ihnen gelingt. Aber wenn es nicht klappen sollte, dann plädiere ich im Interesse des deutschen Fußballs ganz klar dafür, dass er nach München geht. 
Assauer: Ja, aber sein Marktwert ist derart hoch, dass es kaum möglich ist, ihn zu halten. Irgendein reicher Investor wird schon kommen und ihn mit viel Geld zu seinem Spielzeug locken. Da haben wir keine Chance, so bitter das ist.

WELT.de: Sind Sie eigentlich froh, dass Sie das Geschäft nun als Beobachter verfolgen können und keinen Stress mehr mit Vertragsverhandlungen haben? 
Assauer: Ich gehe ja nach wie vor zu den Schalker Heimspielen und freue mich, wenn Schalke gewinnt. Wir warten ja schon seit 1958 auf eine deutsche Meisterschaft, die wünsche ich dem Verein und den Fans endlich. Ich zittere weiter mit, aber ich bin heute wesentlich ruhiger. Früher habe ich immer den Druck gespürt. Da habe ich oft gedacht: Jetzt nur noch einmal die Bude treffen, und wir sind durch. Oder nur ein einziger Abwehrfehler, und die ganze Kiste bricht zusammen. Das hat mich brutal mitgenommen. 
Calmund: Eigentlich war man ja ein abgebrühter Hund: Man hat auf dem Medienklavier gespielt, sich mit den Sponsoren, den Funktionären, den Spielern, den Beratern gekloppt. Ich konnte die ganzen Oktaven auswendig. Nur eines habe ich nie geschafft: sportliche Niederlagen gelassen zu nehmen. Ich habe mal gesagt: Das Fußballgeschäft wäre wunderbar, wenn nur diese Spiele nicht wären. Jetzt kann ich, wie Rudi, die Spiele genießen. Aber weil ich so lange in dieser Klapsmühle war und so viel erlebt habe, kann ich keinem einzigen Bundesligamanager - egal, welches Verhältnis ich zu ihm habe - den Abstiegskampf gönnen. Diese Angst, dass bei einer Niederlage das Kartenhaus zusammenfällt, ist heftig.

WELT.de: An Ihnen haben sich viele gerieben, zudem haben Sie polarisiert. Sehen Sie solche Typen heute noch in der Bundesliga? 
Assauer: Uli Hoeneß ist noch einer der wenigen, der so gestrickt ist wie Calli und ich. Der ist genau wie ich, direkt aus dem Fußball ins Management gekommen, hat sich hochgedient. Uli ist der Kopf von Bayern München, Calli war jahrzehntelang der Kopf von Leverkusen. Hin und wieder vermisse ich heute bei dem einen oder anderen Klub ein Gesicht. Das geht verloren, weil in die Vorstände ein anderes Denken eingezogen ist. Alle wollen mitbestimmen, was im Verein passiert. Früher hat man gesagt: So machen wir das, Schluss, Feierabend. Ich habe gesagt, ob wir rechts oder links herum gehen. Heute wird stundenlang diskutiert.

WELT.de: Ist das ein Vor- oder ein Nachteil für die Vereine? 
Assauer: Das kann sicher auch ein Vorteil sein, auf der anderen Seite haben Leute wie Calli oder Uli Hoeneß die Bundesliga geprägt. Solche Charaktere haben Schmackes in die Liga gebracht. 
Calmund: Und Leben in die Bude. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich bei einem Geburtstag von Gerhard Mayer-Vorfelder mal mit Uli und Rudi an einem Tisch gesessen habe, als die sich wegen der Schiedsrichter in die Wolle gekriegt haben. Ich musste den ganzen Abend den Chefschlichter spielen. Ausgerechnet ich, mit meiner Mentalität!

WELT.de: Können sich die jungen Manager heute denn überhaupt noch so entfalten, wie Sie es konnten? 
Calmund: Nein. Wir hatten das Glück der Zeit. Mit unseren Methoden wäre es heute schwieriger. Trotz unserer ganzen Erfahrung: Wenn wir heute anfangen würden, müssten wir ganz anders auftreten. Die veränderten Vereinsstrukturen und die veränderte Medienlandschaft würde die Entwicklung von solchen Dinosauriern gar nicht mehr zulassen. Ein Assauer oder ein Calmund könnte sich gar nicht mehr entwickeln. Heute, wo solche Umsätze gemacht werden, brauchst du auch die Leute in Nadelstreifen, also Finanz-, Marketing- und Rechtsexperten. Die Zeiten der One-Man-Show sind vorbei. Trotzdem müssen die Leute mit Stallgeruch den Ton angeben. 

WELT.de: Wie sehen Sie denn Ihre unmittelbaren Nachfolger in Schalke und Leverkusen? 
Assauer: Das ist schwierig zu beurteilen, denn letzten Endes hast du ja immer noch irgendwas zu bekritteln. Das haben früher unsere Vorgänger ja auch mit uns gemacht, die haben sich gefragt: Warum machen die das denn jetzt so? Dasselbe frage ich mich heute manchmal. Aber das ist halt eine andere Generation. 
Calmund: Der Assi ist ja einer nach dem Motto: weicher Kern, raue Schale. Der hätte doch früher zum Aufsichtsrat gesagt: Halt die Klappe, du kriegst jetzt eine Einladung zum Auswärtsspiel, aber geh mir hier nicht auf den Wecker. Sonst kriegst du nämlich bald keine Karten mehr. Heute sind die Vereine größtenteils in Kapitalgesellschaften umgewandelt worden, da werden kompetente Aufsichtsräte zur Kontrolle benötigt. Früher saßen in manchen Aufsichtsräten Leute, denen konnte man - ich überspitze es jetzt mal - bei strömendem Regen sagen: Heute scheint die Sonne. Und schon haben die sich eingecremt. Das funktioniert heute aber nicht mehr.

WELT.de: Christoph Daum ist mit großem Ballyhoo zum 1. FC Köln zurückgekehrt. Braucht der deutsche Fußball solche Typen? 
Assauer: Wir brauchen bunte Vögel, an denen man sich reiben kann. Das ist wichtig. Die größte Fußballbörse findet doch am Montagmorgen an den Arbeitsplätzen statt. Da wird über alles diskutiert, was am Wochenende passiert ist. Ich sage immer: Achtet immer darauf, dass die Leute über die Liga reden. Daum kommt zurück, und in ganz Köln ist Karnevalsstimmung. Wobei die Art und Weise seiner Rückkehr, mit dieser Pressekonferenz im Krankenhaus, gewöhnungsbedürftig war. 
Calmund: An dem Rummel hatte Christoph sicher auch Schuld. Aber der Krankenhausdirektor hat sich doch auch gesagt: Mensch, so eine Pressekonferenz würde uns auch ganz gut zu Gesicht stehen. Als dann der erste Übertragungswagen durch seinen OP gefahren ist, dürfte er wohl in Ohmacht gefallen sein. 
Assauer: Aber die Presse hatte eine schöne Geschichte, und das Fußballvolk hat das aufgesogen. Wenn die Zeitungen nichts mehr zu schreiben und Fans nichts zu diskutieren haben, wird es gefährlich. Dann hört die Liga auf zu leben. 
Calmund: Dass Daum da ist, ist gut für den deutschen Fußball insgesamt: Er polarisiert, viele bewundern und verehren ihn, andere lehnen ihn als Selbstdarsteller ab. Eines ist aber klar, Daum bringt Bewegung in den Laden, er wird mit seiner Fachkompetenz und Leidenschaft den 1. FC Köln vermutlich nicht in diesem, aber im nächsten Jahr in die Bundesliga führen und langfristig oben etablieren. Und nur das zählt.

WELT.de: Er ist jetzt wieder zurück im stressigen Bundesliga-Alltag, Sie sind raus. Würden Sie sagen, dass Sie jetzt eine höhere Lebensqualität haben? 
Assauer: Nicht unbedingt. Ich mache jetzt selbst meine Termine. Früher warst du in einer Tretmühle und Zwängen unterworfen. Ich habe 12 bis 14 Stunden gearbeitet, es gab keine Wochenenden. Meine Lebensgefährtin hat mich mal gefragt: Existierst du eigentlich noch? Man kam nie zur Ruhe. 
Calmund: Aber es ging oftmals auch nicht anders. Was mich betrifft: Ich lebe jetzt bewusster, gesünder. Und Assi, das kannst du jetzt ruhig mal sagen: Ich habe abgenommen. 
Assauer: Mindestens 30 Kilo. 
Calmund: Na ja, nicht ganz so viel. Ich bin jedenfalls froh, dass ich diesen Stress nicht mehr habe. Aber das Bundesligageschäft war wunderbar. Der schönste Job auf der Welt.

WELT.de: Unter welchen Umständen könnten Sie sich ein Comeback vorstellen? 
Assauer: Es gibt keinen Zweifel, dass ich nie wieder in der Bundesliga tätig sein werde. Ich habe damit abgeschlossen. Von meinem 14. Lebensjahr bis vor einem halben Jahr gab es für mich nur Fußball, Fußball. Außerdem steckt Schalke tief in mir drin, ich könnte nie mehr für einen anderen Verein arbeiten. 
Calmund: Ich hab vor zweieinhalb Jahren gesagt: Ende, das war es. Wenn ich in dieser Zeit etwas anderes gespürt hätte, hätte ich vielleicht nach dem Adenauer-Motto gehandelt: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Doch auf die Kommandobrücke würde ich nie wieder klettern. 

Artikel erschienen am 21.01.2007
WELT.de 1995 - 2007



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