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"Özil ist der große Verlierer"
"Özil ist der große Verlierer"

Reiner Calmund schreibt exklusiv als Kolumnist für Yahoo Sport Deutschland!


Deutschland gegen England – ein Klassiker. Und was für einer. 2:3 nach 2:0, das klingt nicht nur hart, das war hart. Ich kann mich jetzt auf die weltmeisterliche Position zurückziehen und sagen: „War doch nur ein Testspiel!“ Aber ich fürchte, das reicht nicht. Als Deutschland vor zwei Jahren Weltmeister wurde, da gewann diesen Titel ein Team. Eben das, was Marketing-Strategen heute „Die Mannschaft“ nennen. Von dieser Mannschaft und vor allen Dingen vom Teamgedanken war gegen die Engländer nicht viel zu sehen. Fußballerische Klasse bringen wir immer noch auf den Rasen. Aber ohne die elementare Voraussetzung wie taktische Disziplin, Aggressivität, Dynamik, Zweikampfstärke und den unbedingten Siegeswillen gewinnst du heutzutage keinen Blumentopf mehr. Nein, wir haben in Berlin nicht verloren, weil die Engländer die besseren Fußballer haben, trotz Kane, Alli, Lallana, Welbeck oder Vardy. Wir haben verloren, weil sie das bessere Team stellten und irgendwann gemerkt haben, was sie für den Erfolg tun müssen. Zwei Tore nach Ecken

Bei Jogi Löws Mannschaft brachen nach der klaren Führung ein paar Eckpfeiler einfach weg. Das hektische Anrennen der „Three Lions“ vor der Pause stellte die Deutschen vor wenige Probleme. Doch als die Engländer nach dem 0:2 eine Strategie entwickelten und sie durchzogen, da brannte es plötzlich lichterloh im deutschen Strafraum. Konsequente Balleroberung und schnelles Umschalten des Gegners – das behagt Löws Mannschaft nicht. Wenn in unserem Team die Abstände zwischen dem defensiven Mittelfeld und der Viererkette plötzlich zu groß werden, wenn die offensiven Spieler bei Ballverlust nicht energisch genug um den erneuten Ballbesitz nachsetzen, wenn die Außenverteidiger nicht mehr rechtzeitig in die Ordnung finden und die Sechser keine Zeit mehr haben, die Löcher zu stopfen, wenn die Kompaktheit fehlt – dann wackelt der Weltmeister. Und: Zwei Tore der Engländer fielen nach Ecken, eines nach einer Flanke von rechts. In allen drei Fällen wurden im Vorfeld und in der entscheidenden Situation Zweikämpfe anfängerhaft verloren – daran muss gearbeitet werden.

Am Dienstag geht es gegen Italien, einen Gegner, der uns häufig schlecht aussehen ließ. Aber: Bange machen gilt nicht. Die Pleite von Berlin sollte ein „Hallo wach“ gewesen sein. Natürlich sind die Ergebnisse in Testspielen immer zweitrangig. Aber Niederlagen haben immer Gründe, in Berlin waren sie eben im mangelhaften Defensivverhalten und im fehlenden Miteinander nach der Pause zu suchen. Löws wichtigste Aufgabe wird sein, dieses Miteinander zu stärken, wieder ein Team zu formen, das diesen Namen verdient. Dabei ist es nachvollziehbar, dass die Weltmeister in der kritischen Betrachtung einen Bonus bei Jogi Löw haben. Die vielen Erfolge mit dem Weltmeistertitel als Krönung sorgen für Vertrauen zwischen Trainer und Spieler. Hinzu kommt, dass Jogi Löw diesen Spielern sicherlich auch eine große Portion Dankbarkeit entgegenbringt. Menschlich ist das absolut normal, allerdings nicht ungefährlich für die Zusammenstellung des EM Kaders.

Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass Jogi die Messlatte für ein EM-Ticket auch für seine Weltmeister höher legt. Bei zwei dieser Spieler mache ich mir allerdings Sorgen.

Schürrle muss liefern

Bei Mesut Özil beispielsweise. Wenn ihm schon offensiv wenig gelingt, dann muss er wenigstens nach Ballverlusten sofort nach hinten mitmachen. Das war viel zu wenig. Er stand sinnbildlich für das Defizit an Dynamik und Aggressivität und für fehlende Ballkontrolle, wobei in diesem Bereich außer Toni Kroos jeder Nationalspieler überraschende Schwächen offenbarte. Natürlich hat Özil jede Menge Potenzial. Aber auch für ihn gilt: Es kommt nicht darauf an was ich kann, sondern was ich tue.

André Schürrle ist der nächste Kandidat. Er sorgte mit spektakulären Joker-Einsätzen bei der WM oft für viel Schwung im Nationalteam. Aber diese großen Verdienste zählen jetzt nicht mehr, er muss Leistung abliefern. Vielleicht hilft ihm, dass es zuletzt beim VfL Wolfsburg besser lief.

Optimistisch bin ich bei Khedira, Reus und Müller, obwohl sie gegen England nicht überzeugten. Bei Sami Khedira sieht man den unbedingten Willen, dass er wieder seine Topform erreichen will. Thomas Müller ist in Gedanken vermutlich schon bei der Champions League. Bei der EM kann man sich auf ihn verlassen, da wird er wieder groß aufspielen und wichtige Tore erzielen. Der Bundestrainer wird Marco Reus in der Vorbereitung noch die richtige Navigation einbauen. Dem BVB-Star fehlen einfach der richtige Rhythmus und die optimalen Laufwege im Spiel der Nationalmannschaft.

Und Poldi?


Ein Problem bleibt nach dem Abschied von Kapitän Philipp Lahm die Besetzung der rechten Außenverteidiger-Position. Emre Can fand trotz seines großen Talents bisher nicht die optimale Balance. Vielleicht aktiviert Jogi auch wieder sein WM-Programm für die Abwehr. Für ihn ging es schon in Brasilien nicht mehr nur darum, dass die Außenverteidiger das Spiel eröffnen. Die sollen in erster Linie dicht machen: Spiele werden vorne gewonnen, Turniere und Meisterschaften hinten. Mit dieser Taktik aus der Not, lag Löw goldrichtig. Für diese Spielweise gibt es mehrere Alternativen, ob Mister Zuverlässig Benny Höwedes oder sogar Jonathan Tah, der schnell und körperlich robust ist, beim Debüt gegen England nicht enttäuschte.

Die Analyse zeigt, dass sich unsere Nationalmannschaft in Frankreich vor keinem Team verstecken muss. Mit Neuer im Tor, Boateng und Hummels im Abwehrzentrum, mit Gündogan, Kroos, Khedira und ganz vorne mit Müller, dem wieder genesen Götze, einem einsichtigen Özil und Gomez der mich gegen England überzeugte, haben wir zwei Hände voll absolute Topspieler an Bord. Auch die Plätze im hinteren Mannschaftsbus sind mit Bellarabi, Draxler, Volland und Co. erstklassig besetzt. Vielleicht schaffen Schweinsteiger oder einer der jungen Talente, wie der Schalker Leroy Sane, ja auch noch den Sprung in den Kader, in dem Lukas Podolski nach Meinung vieler Experten nichts mehr zu suchen hat. Ich denke, Löw sieht aber gerade in ihm einen ganz wichtigen Baustein, um aus vielen Einzelspielern ein Team zu formen. Mit Erfahrung und sozialer Kompetenz. Wenn es der Mannschaft hilft, dann sollte „Poldi“ in Frankreich dabei sein.

URL: https://de.sports.yahoo.com/news/calmund-exklusiv--%C3%B6zil-ist-der-gro%C3%9Fe-verlierer-113459463.html



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